BERND LÜNSER

Bernd Lünser Durch den Bau der Berliner Mauer sind Hunderte von Studenten aus dem Ostteil und dem Umland der Stadt von ihren Studienplätzen in West-Berlin abgeschnitten. Auch der 22-jährige Bernd Lünser wird von der Abriegelung der Sektorengrenze mitten in den Semesterferien überrascht.

Am 11. März 1939 in Berlin geboren, wächst er nach der Scheidung seiner Eltern bei der Mutter im Stadtbezirk Friedrichshain auf, während sein Vater in West-Berlin lebt. Mit 18 Jahren macht er das Abitur und absolviert danach eine Maurerlehre in einem Ost-Berliner Betrieb, bevor er im Wintersemester 1959/60 im Westteil der Stadt ein Fachhochschulstudium beginnt. Er will Bauingenieur werden und ist nach Auskunft seiner Dozenten und Kommilitonen von der Staatlichen Ingenieurschule für Bauwesen in Berlin-Neukölln ausgesprochen talentiert und beliebt.[1] Aus welchen Gründen er in West-Berlin studiert, geht aus Polizei- und Presseberichten nicht hervor. Die Annahme liegt jedoch nahe, dass die Ablehnung des DDR-Bildungswesens in seinem Fall ebenso eine Rolle spielt wie bei vielen Altersgenossen, die bis zum 13. August 1961 täglich zwischen ihren Wohnorten im Osten und Hochschulen oder Universitäten im Westen pendeln.

So ist Bernd Lünser Angaben seines Vaters zufolge auch nach der Grenzschließung fest entschlossen, sein Studium in West-Berlin zu beenden und sucht verzweifelt nach einer Möglichkeit, rechtzeitig zum Semesterbeginn Anfang Oktober dorthin zu gelangen.[2] Als sich seine Hoffnungen auf einen Passierschein und eine Fluchthilfegelegenheit zerschlagen, unternimmt Bernd Lünser den Versuch, sich vom Dach eines Ost-Berliner Grenzhauses auf die Bernauer Straße abzuseilen. Dabei kommt er am 4. Oktober 1961 auf tragische Weise ums Leben. Die Umstände seines Todes erregen in Ost und West großes Aufsehen. Denn es ist das erste Mal seit dem Mauerbau, dass West-Berliner Polizeibeamte die Schüsse von Ost-Berliner Grenzposten erwidern.[3]

Die Bernauer Straße gehört in ihrer ganzen Breite zum West-Berliner Bezirk Wedding, während die Häuser am südlichen Straßenrand auf Ost-Berliner Gebiet liegen und seit dem Mauerbau immer wieder Ausgangspunkt von Fluchtaktionen sind. Deshalb lassen die DDR-Behörden viele Häuser räumen, Fenster und Türen zumauern und die Bewachung verschärfen. Bernd Lünser versucht, Absperrungen und Grenzposten zu umgehen, indem er gegen Abend in der anliegenden Swinemünder Straße auf ein Hausdach klettert, um über die Dächer bis zum Eckhaus an der Bernauer Straße zu gelangen und sich mit einer Wäscheleine abzuseilen. Dabei wird er von zwei Grenzposten entdeckt.

Als sie die Verfolgung aufnehmen, macht Bernd Lünser durch laute Rufe West-Berliner Passanten auf sich aufmerksam: „Helft mir, ich will springen“, ruft er ihnen aus schwindelnder Höhe zu. Sie verständigen eine Sektorenstreife der West-Berliner Polizei, und während auf der anderen Seite die ersten Schüsse fallen, stehen kurze Zeit später Feuerwehrleute mit einem Sprungtuch bereit, um den Flüchtling aufzufangen.[4] Unterdessen kommt es auf dem Dach des Hauses Bernauer Straße 44 zu einem Handgemenge zwischen dem Flüchtenden und einem seiner Verfolger. Beide rutschen bis zur Dachkante. Schließlich reißt sich Bernd Lünser los und springt in die Tiefe. Er verfehlt das Sprungtuch der Feuerwehr um wenige Meter, prallt mit voller Wucht auf das Pflaster und ist auf der Stelle tot.

Im Verlauf dieses dramatischen Geschehens schlagen Kugeln auf der West-Berliner Seite ein, worauf Polizeibeamte das Feuer erwidern. Dabei wird der Volkspolizist, der mit Bernd Lünser auf dem Dach ringt, am Oberschenkel verletzt.

Ost-Berliner Polizei- und Stasi-Berichte unterstellen hingegen, die West-Berliner Polizei habe das Feuer eröffnet, ohne dass Ost-Berliner Grenzposten einen Schuss in Richtung Westen abgegeben hätten.[5]

Im gleichen Sinne bezieht DDR-Innenminister Karl Maron in Protestnoten an den westlichen Stadtkommandanten und den Senat Stellung und verurteilt den angeblichen Mordanschlag auf einen DDR-Grenzposten als „ungeheuerliche Provokation“, die den Frieden gefährde. Den Flüchtling erklärt er in diesem Zusammenhang zum „Verbrecher“, der versucht habe, sich einer Festnahme zu entziehen, als er auf frischer Tat ertappt worden sei.[6]

Angaben der West-Berliner Polizei zufolge wurde das Feuer jedoch erst erwidert, nachdem West-Berliner Polizisten, Feuerwehrleute und Anwohner durch die Schüsse der anderen Seite gefährdet wurden. Aus diesem Grund, so heißt es, sei der Schusswaffeneinsatz berechtigt gewesen.[7] Der West-Berliner Polizeipräsident Duensing zollt den Beamten ausdrücklich Anerkennung dafür, dass sie sich im richtigen Augenblick zur Wehr setzten.[8] Auch ein Sprecher des US-Außenministeriums argumentiert, die West-Berliner Polizei sei gezwungen gewesen, sich zu verteidigen und fordert die Sowjetunion auf, an der Sektorengrenze keine Schießereien mehr zuzulassen.[9]

Der genaue Ablauf des ersten Schusswechsels an der Berliner Mauer kann auch im Rahmen der Ermittlungen, die 1990 gegen die beteiligten Grenzposten eingeleitet werden und mit einem Freispruch für den einzigen Angeklagten enden, nicht geklärt werden. Die Nachforschungen widerlegen indes endgültig den Verdacht, dass sich neben Bernd Lünser noch ein zweiter Flüchtling auf dem Dach befand, der ebenfalls ums Leben gekommen sein soll.[10] Diese Annahme beruhte auf West-Berliner Augenzeugenberichten und wurde, nachdem sie in Polizei- und Presseberichte Eingang gefunden hatte, jahrzehntelang tradiert.

Während der Schusswechsel an der Bernauer Straße in Ost und West große Empörung verursacht, bleibt die öffentliche Trauer um Bernd Lünser eine West-Berliner Angelegenheit. Viele West-Berliner suchen den Ort des Unglücks auf und legen Blumen nieder. Später stellen Kommilitonen von Bernd Lünser an diesem Ort ein Holzkreuz auf, das wie andere Denkmale für Maueropfer mit Stacheldraht versehen ist.[11] Am 11. Oktober 1961 wird Bernd Lünser auf dem Friedhof an der Bergstraße im West-Berliner Stadtbezirk Steglitz beerdigt. Seiner Mutter verweigern die Ost-Berliner Behörden die Erlaubnis zur Teilnahme. Daher bringt sie ihre Trauer in einem Telegramm zum Ausdruck, das am Grab verlesen wird.[12]

[Text: Christine Brecht]

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[1] Vgl. Bericht der West-Berliner Polizei, 12.10.1961, in: StA Berlin, Az. 27/2 Js 140/90, Bd.1, Bl. 23.
[2] Vgl. „Bernd Lünsers Vater: Er wollte hier sein Studium beenden“, Berliner Morgenpost, 6.10.1961.
[3] Vgl. Kurt L. Shell, Bedrohung und Bewährung. Führung und Bevölkerung in der Berlin-Krise, Köln/Opladen 1965, S. 340-348.
[4] Bericht der West-Berliner Polizei, 5.10.1961, in: StA Berlin, Az. 27/2 Js 140/90, Bd. 1, Bl. 6-7.
[5] Vgl. z.B. Spitzenmeldung des MdI/Bepo/ 1.GB (B)/II. Abt. betr. Grenzdurchbruch einer männlichen Person in der Bernauer Straße 44, 4.10.1961, in: BArch, VA-07/16926, Bl. 53-55; Abschlußbericht des MdI/Bepo/ 1.GB (B)/Kommandeur betr. Grenzdurchbruch in der Bernauer Straße durch Bernd Lünser, 6.10.1961, in: Ebd., Bl. 58-61 sowie [MfS]-Bericht, 1.11.1961, in: BStU, MfS, ZAIG Nr. 525, Bl. 9-39.
[6] Vgl. „Mordanschlag auf Volkspolizisten“, Tribüne, 6.10.1961, sowie Neues Deutschland, 6.10.1961, und Berliner Zeitung, 6.10.1961.
[7] Vgl. Bericht der West-Berliner Polizei, 5.10.1961, in: StA Berlin, Az. 27/2 Js 140/90, Bd. 1, Bl. 6-7.
[8] Vgl. „Bei Gefahr wird zurückgeschossen“, Der Kurier, 5.10.1961.
[9] Vgl. „Washington warnt vor Schießerei. Pankow spricht von Provokation“, Spandauer Volksblatt, 6.10.1961.
[10] Vgl. Urteil des Landgerichts Berlin vom 16.10.1997, in: StA Berlin, Az. 27/2 Js 140/90, Bd. 4, Bl. 93a-93d.
[11] Vgl. „Ein Kreuz mahnt in der Bernauer Straße“, Die Welt, 25.10.1961.
[12] Vgl. Berliner Morgenpost, 12.10.1961.