INGO KRÜGER

Ingo Krüger Ingo Krüger wird am 31. Januar 1940 in Berlin-Dahlem geboren. Sein Vater stirbt als Soldat im Zweiten Weltkrieg. Nachdem seine Mutter wieder geheiratet hat, wohnt die Familie im Ostteil der Stadt. Dort, im Treptower Ortsteil Niederschöneweide, wächst Ingo Krüger auf.[1] Sein Stiefvater arbeitet beim DDR-Fernsehen und seine Mutter ist als „Volksrichterin“ tätig.[2] Ingo Krüger absolviert nach dem Schulabschluss eine Lehre als Koch und ist seither in einem staatlichen Betrieb angestellt, dem die gastronomische Versorgung der Gästehäuser der DDR-Regierung obliegt. Auf den ersten Blick linientreu und angepasst, verzichtet die Familie allerdings keineswegs darauf, den Kontakt mit Verwandten und Bekannten in West-Berlin zu pflegen. Auch Ingo Krügers Verlobte Ingrid K. ist im anderen Teil der Stadt zuhause. Sie kennen sich seit ihrer Kindheit, als sie in Berlin-Johannisthal zusammen zur Schule gingen. Obwohl Ingrid und ihre Mutter inzwischen in West-Berlin leben, werden die beiden Jugendlichen 1958 ein Paar. Schon vor dem Mauerbau bekommt Ingo Krüger deshalb Probleme im Betrieb. Seine Westkontakte werden von Kollegen, die für die Stasi Spitzeldienste leisten, minutiös dokumentiert und zur „Agententätigkeit“ aufgebauscht.[3] Als er deshalb zur Rede gestellt wird, gibt Ingo Krüger vor, seine Verlobte wolle nach der Hochzeit nach Ost-Berlin ziehen und stellt einen Antrag auf eine eigene Wohnung.[4]

Durch die Abriegelung West-Berlins am 13. August 1961 werden Ingo Krüger und seine Verlobte abrupt getrennt. Sie suchen nach Möglichkeiten, sich dennoch zu sehen und verabreden Treffpunkte an abgelegenen Stellen am Stadtrand, wo sie über den Stacheldraht hinweg heimlich Briefe und Geschenke austauschen. Im Laufe der Zeit gestalten sich diese Treffen jedoch immer schwieriger. Bei einem Kontaktversuch wird Ingo Krüger sogar vorübergehend festgenommen und ermahnt, der Grenze fernzubleiben.[5] Um sich weiterhin sehen zu können, entwickeln sie eine neue Strategie. Ingrid R. lässt sich bei Verwandten in der Bundesrepublik polizeilich registrieren. Denn Westdeutsche dürfen - anders als West-Berliner – auch nach dem Mauerbau nach Ost-Berlin einreisen.[6] Auf diese Weise kann sie ihren Verlobten wieder besuchen. Doch als das Paar erkennt, dass die geschlossene Grenze zum Dauerzustand wird, beginnt Ingo Krüger, seine Flucht vorzubereiten.

Da er Sporttaucher ist, liegt der Gedanke nahe, mit Hilfe einer Taucherausrüstung durch eines der vielen Grenzgewässer zu flüchten. Diese Idee scheint damals viele Anhänger gehabt zu haben, denn Ost-Berliner Taucherclubs verzeichnen seit dem 13. August 1961 sprunghaft steigende Mitgliederzahlen.[7] Seit Anfang November bereitet Ingo Krüger seine Flucht vor. Dabei wird er von Stasi-Mitarbeitern auf Schritt und Tritt verfolgt, wie Observationsberichte dokumentieren.[8] Sein Fluchtweg soll im Stadtzentrum durch die Spree bis zum Reichstagsgebäude führen. Mehrere Freunde helfen ihm bei den Vorbereitungen. Auch seine Verlobte ist eingeweiht. Am 10. Dezember 1961 gegen 23.00 Uhr fährt Ingo Krüger mit zwei Freunden per Taxi zum Spreeufer am Schiffbauerdamm. Unter seinem Mantel hat er den Taucheranzug schon angelegt. Eine Freundin, die den Bootsverkehr auf der Spree beobachtet, erwartet sie. Um den Booten des in die Grenzbewachung einbezogenen DDR-Zolls auszuweichen, so lautet ihr Rat, solle er unterhalb des Bahnhofs Friedrichstraße in den Fluss steigen.[9] Dann könnten ihn die Bootsbesatzungen nicht entdecken. Ingo Krüger legt das Atemgerät an und begibt sich ins Wasser. Seine Freunde bleiben am Ufer zurück und versuchen, seinen Weg zu verfolgen. Schon bald merken sie, dass etwas schief gegangen sein muss.

Zur gleichen Zeit wartet am gegenüberliegenden West-Berliner Ufer Ingrid R. vergebens auf ihren Verlobten. Entsetzt muss sie mit ansehen, wie Angehörige des DDR-Zolls von einem Boot aus das Wasser mit Haken und Scheinwerfern absuchen und schließlich einen Körper aus dem Wasser ziehen.[10] Trotz der schlechten Sichtverhältnisse besteht für Ingrid R. kein Zweifel, dass es sich um ihren Verlobten handelt, dessen Fluchtversuch gescheitert ist. Während sie hofft, dass er mit dem Leben davon gekommen sein möge, ist der 21 Jahre alte Flüchtling Meldungen der Ost-Berliner Grenzpolizei zufolge bereits tot, als er an der Marschallbrücke aus dem Wasser geborgen wird.[11] Laut Leicheneingangsbuch des Gerichtsmedizinischen Instituts der Humboldt Universität ist der Tod am 11. Dezember um 00.10 Uhr eingetreten.[12] Als Todesursache wird im Obduktionsbuch „wahrscheinlich Tod durch Ertrinken“ vermerkt.[13]

Gegenüber den Eltern und Arbeitskollegen von Ingo Krüger schieben die DDR-Behörden die Schuld an seinem Tod seiner Verlobten und den Freunden zu, die ihm bei den Vorbereitungen geholfen haben.[14] Einer seiner Freunde wird wegen Beihilfe zur „Republikflucht“ verhaftet, ein anderer vom MfS zur Mitarbeit erpresst.[15] Während am 23. Dezember auf dem Ost-Berliner Friedhof Baumschulenweg die Beerdigung stattfindet, ist Ingrid R. noch immer im Ungewissen über das Schicksal ihres Verlobten. Auf die Briefe, die sie an die Mutter von Ingo Krüger schreibt, erhält sie wochenlang keine Antwort. Erst auf Umwegen erfährt sie im Januar die schreckliche Wahrheit.[16]

Die genauen Umstände des Todes von Ingo Krüger bleiben ungeklärt. Vermutungen, er sei gewaltsam zu Tode gekommen, lassen sich nicht bestätigen. Untersuchungen des MfS sollen ergeben haben, „dass der Tod bei K[rüger] auf Grund Versagen des (Atem)Gerätes herbeigeführt wurde.“[17] Ermittlungen, die in den 1990er Jahren im Zuge der strafrechtlichen Verfolgung von Gewaltakten an Mauer und Grenze aufgenommen werden, kommen hingegen zu dem Schluss, dass er in jener Dezembernacht infolge eines Kälteschocks tödlich verunglückt ist.[18]

[Text: Christine Brecht]

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[1] Vgl. Niederschrift der Zeugen-Vernehmung der Mutter von Ingo Krüger durch die West-Berliner Polizei, 9.11.1977, in: StA Berlin, Az. 2 Js 147/90, Bl. 42-45.
[2] Im Zuge von Entnazifizierung und Stalinisierung wurden nach 1945 in der SBZ/DDR Laien, die als unverdächtig und zuverlässig angesehen wurden, in Schnellkursen zu sogenannten „Volksrichtern“ ausgebildet. Vgl. Hermann Wentker, Volksrichter in der SBZ-DDR 1945 bis 1952. Eine Dokumentation, München 1997.
[3] Vgl. Abschrift eines GI-Berichtes [des MfS]/HA PS/Abt. I, 21.1.1960, in: BStU, MfS, AOPK 20505/62, Bd. 1, Bl. 62; Aktenvermerk der Kaderleiterin/VEB Gästehäuser der Regierung [für das MfS] betr. Ingo Krüger, 30.12.1960, in: Ebd., Bl. 249.
[4] Vgl. Aktenvermerk der Kaderleiterin/VEB Gästehäuser der Regierung [für das MfS] betr. Ingo Krüger, 9.1.1961, in. Ebd., Bl. 250.
[5] Vgl. Handschriftlicher Festnahmebericht der Bepo/4.Komp., 25.10.1961, in: Ebd., Bl. 310.
[6] West-Berlinern war die Einreise nach Ost-Berlin seit dem 24.8.1961 verboten. Dabei blieb es bis zum ersten Passierscheinabkommen für die Weihnachtsfeiertage 1963.
[7] Vgl. Protokoll der Ost-Berliner Volkspolizei, 7.4.1962, in: LAB, C Rep 303-26-01, Nr. 495, o.Pag. Demnach wurden alle Tauchsportler polizeilich überprüft, nachdem die Tauchclubs nach dem Mauerbau einen enormen Zulauf zu verzeichnen hatten.
[8] Vgl. Abschrift eines GI-Berichtes [des MfS]/HA PS/ Abt. I betr. Ingo Krüger – Koch Thälmannplatz, in: BStU, MfS, AOPK 20505/62, Bd. 1, Bl. 337-338 sowie Beobachtungsbericht des MfS/Verwaltung HA VIII/Abt. I/Referat 3 zu Ingo Krüger, 29.11.1961, in: Ebd., Bl. 370-378.
[9] Vgl. Manfred Suwalski, Die Entwicklung der Zollverwaltung der DDR (1945-1990), in: Torsten Diedrich/Hans Ehlert/Rüdiger Wenzke (Hg.), Im Dienste der Partei. Handbuch der bewaffneten Organe der DDR, Berlin 1998, S. 577-592.
[10] Vgl. auch Ereignismeldung der West-Berliner Polizei, 11.12.1961, in: PHS, Bestand Ereignismeldungen der West-Berliner Schutzpolizei, o.Pag.
[11] Rapport Nr. 342 der HV DVP/Operativstab, 11.12.1961, in: BArch, DO1/11.0/1358, Bl. 192.
[12] Bericht der Berliner Polizei, 29.10.1991, in: StA Berlin, Az. 2 Js 147/90, Bl. 67.
[13] Ebd.
[14] Vgl. Auswertung des MfS/HA PS von einem Vorgang im Gästehaus der Regierung am Thälmannplatz, 12.7.1962, in: BStU, MfS, AOPK 20505/62, Bd. 2, Bl, 214-224, hier Bl. 214, 223-224.
[15] Vgl. Abschrift eines Befragungsberichtes [des MfS]/HA PS/Abt. I, 23.3.1962, in: BStU, MfS, 3245/65, Bd. 1, Bl. 91, 113, 114, 117, 168-169.
[16] Vgl. Brief der Großmutter von Ingo Krüger an dessen Verlobte, 4.1.1962, in: StA Berlin, Az. 2 Js 147/90, Bl. 13-17.
[17] Auswertung [des MfS]/HA PS/Abt. I betr. Vorgang Ingo Krüger, 20.8.1962, in: BStU, MfS, AOPK 20505/62, Bd. 2, Bl. 216-225, Zitat Bl. 224.
[18] Vgl. Verfügung der Staatsanwaltschaft II bei dem Kammergericht Berlin (27 AR 74/97), 4.3.1998, in: StA Berlin, Az. 2 Js 147/90, Bl. 170-171.