HEINZ JERCHA

Heinz Jercha Heinz Jercha ist gebürtiger Berliner und lebt zum Zeitpunkt des Mauerbaus mit Frau und Kind im Westteil der Stadt. Zwei oder drei Jahre zuvor selbst aus der DDR geflüchtet, schließt sich der junge Familienvater, der von Beruf Fleischer ist, im Frühjahr 1962 einer Fluchthilfegruppe an, die sein ehemaliger Kollege Fritz Wagner initiiert hat. In der Heidelberger Straße in Berlin-Neukölln, die unmittelbar an den Ost-Berliner Stadtbezirk Treptow grenzt, graben sie einen Tunnel unter den Sperranlagen hindurch. Der unterirdische Gang beginnt im Keller des Hauses Heidelberger Straße 35 und führt zum Keller des Hauses Nummer 75, das auf der Ost-Berliner Seite der durch die Mauer geteilten Straße steht. Seit dem 21. März 1962 verhelfen Heinz Jercha und seine Mitstreiter auf diesem Weg Dutzenden von DDR-Bürgern zur Flucht. Auch am Abend des 27. März wagen sie sich auf die andere Mauerseite vor, um Flüchtlinge abzuholen und nach West-Berlin zu bringen. Doch diesmal gerät Heinz Jercha, wie aus Stasi-Akten hervorgeht, in einen Hinterhalt und wird von MfS-Angehörigen beschossen.[1] Schwer verletzt kriecht der 27-Jährige durch den Tunnel nach West-Berlin zurück, wo er wenig später tot zusammenbricht. „Die Schweinehunde haben mich angeschossen“, sollen seine letzten Worte gewesen sein.[2]

In der DDR als „Menschenhandel“ kriminalisiert und verfolgt, erlebt die Fluchthilfe für DDR-Bürger in West-Berlin im ersten Jahr nach dem Mauerbau ihre „Hoch- und Heldenzeit“ und wird von Behörden und Bevölkerung auf vielfältige Weise unterstützt.[3] Als mit Heinz Jercha nach Dieter Wohlfahrt zum zweiten Mal ein Fluchthelfer an der Mauer erschossen wird, löst dies im Westen Solidarität und Mitgefühl aus. Allenthalben werden Forderungen laut, wonach der Senat für Jerchas Witwe und seine fünf Jahre alte Tochter sorgen müsse. Die Behörden stellen daraufhin die Angehörigen des erschossenen Fluchthelfers Kriegshinterbliebenen gleich, so dass sie fortan Anspruch auf eine kleine Rente haben.[4] Auch in öffentlichen Stellungnahmen bringen Politiker ihre Anerkennung dafür zum Ausdruck, dass Heinz Jercha anderen unter Gefahr für Leib und Leben Hilfe geleistet hat.[5] Als er am 5. April auf dem Zehlendorfer Waldfriedhof beerdigt wird, erweisen ihm Vertreter des Bundes, des Senats und der West-Berliner Bezirke die letzte Ehre.[6]

Über die Umstände, unter denen Heinz Jercha ums Leben gekommen ist, besteht lange Zeit Ungewissheit. Denn die DDR-Führung weist jede Verantwortung von sich und hält die Akten, die belegen, dass der Fluchthelfer von MfS-Angehörigen erschossen wurde, unter Verschluss.[7] Wie Ermittlungen der West-Berliner Polizei ergeben, war Heinz Jercha an diesem Abend mit Harry Seidel im Einsatz. Seidel gehörte ebenso wie Fritz Wagner, mit dem er sich Anfang 1962 zusammen getan hatte, um den Tunnel an der Heidelberger Straße zu organisieren, zu den Protagonisten der frühen Fluchthilfe.[8] Anders als Fritz Wagner, der Ost-Berliner Fluchtwilligen seine Hilfe gegen Geld anbietet, handelt Seidel aus persönlichen und ideellen Gründen. Heinz Jercha wiederum stößt über Wagners weit verzweigtes berufliches Netzwerk zu dem Unternehmen und hilft Seidel bei den Grabungsarbeiten.[9] Nachdem der Durchbruch geschafft ist, übernehmen Jercha und Seidel die riskante Aufgabe, allabendlich Fluchtkandidaten am Ost-Berliner Ende des Tunnels abzuholen und nach West-Berlin zu geleiten. Dabei agieren sie mit großer Vorsicht und sind, wie Seidel gegenüber der West-Berliner Polizei einräumt, zu ihrem eigenen Schutz mit Pistolen bewaffnet.[10] Außerdem steht Seidel mit einer studentischen Fluchthilfegruppe in Verbindung, für die er und Jercha ohne Wagners Wissen junge Ost-Berliner durch den Tunnel holen.[11] Bei einer dieser Aktionen kommt Heinz Jercha mit zwei Ost-Berliner Studenten ins Gespräch, die er nach geglückter Flucht in seinem VW-Käfer mitnimmt. Als sie ihn um Hilfe für Freunde bitten, die die DDR ebenfalls dringend verlassen wollen, und ihm dafür Geld in Aussicht stellen, willigt Jercha ein.[12]

In der Zwischenzeit ist der Fluchttunnel von einem Ost-Berliner Anwohner verraten worden, der Seidels Vertrauen gewonnen hat. Seidel ahnt nicht, dass der Mann unter dem Decknamen IM „Naumann“ als Stasi-Spitzel arbeitet. Dadurch kommt das MfS den Fluchthelfern am 24. März auf die Spur und entwickelt einen „Operativplan zur Liquidierung des Stollens“, dessen Hauptziel es ist, Harry Seidel als vermeintlichen „Organisator der Schleuse“ festzunehmen.[13] Seit dem 25. März liegen MfS-Angehörige zu diesem Zweck in dem Ost-Berliner Haus, in dessen Keller der Tunnel endet, auf der Lauer. Nachdem Seidel und Jercha am Abend des 27. März ein älteres Ehepaar unbehelligt durch den Tunnel geführt haben, erhält das Stasi-Festnahmekommando den Befehl einzugreifen, sobald Seidel wieder auftaucht. „Für diesen Fall sollten die Genossen“, schreibt der federführende MfS-Offizier im Nachhinein, „die ‚Messer scharf machen’“ und fügt ausdrücklich hinzu, dass damit gemeint war, „die Waffen schussbereit zu machen und diese im gegebenen Fall zur Anwendung bringen zu können.“[14] Tatsächlich kehren Seidel und Jercha nach kurzer Zeit zurück, um die Fluchtaktion durchzuführen, die Jercha für diesen Abend auf eigene Faust mit den beiden Studenten vereinbart hat. Nachdem sie auf der Ost-Berliner Seite angelangt sind, habe er an der Kellertreppe gewartet, gibt Seidel später zu Protokoll, während Jercha nach oben gegangen sei, um die Flüchtlinge im Hausflur in Empfang zu nehmen.[15] Stattdessen fällt Heinz Jercha dem MfS-Festnahmekommando in die Hände. Als einer der Männer ihn auffordert, sich zu ergeben, soll er Stasi-Akten zufolge seine Taschenlampe aufgeblendet und ohne Gegenwehr sofort die Flucht ergriffen haben. Die Stasi-Männer eröffnen umgehend das Feuer und nehmen die Verfolgung auf, können aber weder Jercha noch Seidel daran hindern, durch den Tunnel nach West-Berlin zu entkommen. Dennoch werden ihre Schüsse Heinz Jercha zum Verhängnis. Es ist, wie die Obduktion ergibt, ein Querschläger, der ihn in die Brust trifft und die tödlichen Verletzungen hervorruft.[16]

Nach Öffnung der DDR-Archive werden in den 1990er Jahren auf der Grundlage von Stasi-Akten Ermittlungen gegen die mutmaßlichen Schützen eingeleitet und vier ehemalige Stasi-Mitarbeiter, die nachweislich auf Heinz Jercha geschossen haben, ausfindig gemacht. Der strafrechtlichen Verfolgung der Täter sind in diesem Fall jedoch enge Grenzen gesetzt. Denn ihnen wird zugebilligt, dass sie damals einen West-Berliner festnehmen wollten, der das Gebiet der DDR unerlaubt und bewaffnet betreten hat. Aus diesem Grund kann der Schusswaffengebrauch, dem Heinz Jercha zum Opfer gefallen ist, nicht als Totschlag geahndet werden und das Verfahren wird eingestellt, ohne dass es zur Anklageerhebung kommt.[17] An der Heidelberger Straße erinnert heute eine Gedenktafel an das Schicksal von Heinz Jercha.

[Text: Christine Brecht]

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[1] Vgl. Bericht der VfS Groß-Berlin/Kresidienststelle Treptow betr. Schleusung in der Heidelberger Straße 75 am 27.3.1962, 27.3.1962, in: BStU, MfS, HA I Nr. 6086, Bl. 146-148.
[2] Niederschrift der Zeugen-Vernehmung des Anwohners, von dessen Keller der Tunnel gegraben wurde, durch die West-Berliner Polizei, 30.3.1962, in: StA Berlin, Az. 29/2 Js 148/90, Bl. 60-61, hier Bl. 60.
[3] Zum Kontext vgl. Marion Detjen, Ein Loch in der Mauer. Die Geschichte der Fluchthilfe im geteilten Deutschland 1961-1989, München 2005.
[4] Vgl. „Er starb für die Freiheit anderer“, BZ, 29.3.1962, sowie „Schnelle Hilfe für die Witwe von Heinz Jercha“, BZ, 30.3.1962.
[5] Vgl. „Man ließ ihm keine Chance“, Berliner Morgenpost, 29.3.1962, sowie „Lemmer: Ermordeter Jercha ist Märtyrer der Mauer“, Der Kurier, 29.3.1962.
[6] Vgl. „Abschied von Heinz Jercha“, BZ, 6.4.1962.
[7] Vgl. „Schüsse in Westberlin. Infame Lüge der Frontstadtpresse“, Neues Deutschland, 29.3.1962, sowie im Kontrast dazu die zeitgenössischen West-Berliner Ermittlungsunterlagen, in: StA Berlin, Az. 29/2 Js 148/90, Bl. 1-166.
[8] Vgl. Marion Detjen, Harry Seidel, in: Karl Wilhelm Fricke/Peter Steinbach/Johannes Tuchel (Hg.), Opposition und Widerstand in der DDR. Politische Lebensbilder, München 2002, S. 340-350.
[9] Zur Geschichte dieser Tunnelflucht vgl. Dietmar Arnold/Sven Felix Kellerhoff, Die Fluchttunnel von Berlin, Berlin 2008, S. 72-77.
[10] Vgl. Niederschrift der Zeugen-Vernehmung von Harry Seidel durch die West-Berliner Polizei, 30.3.1962, in: StA Berlin, Az. 29/2 Js 148/90, Bl. 58-59, sowie den Bericht des West-Berliner Polizeireviers 215, 28.3.1962, in: PHS, Bestand Grenzvorkommnisse, o. Pag. Demnach wurden die Pistolen am 27. März sichergestellt und Seidel vorübergehend festgenommen.
[11] Vgl. dazu die Niederschrift der Zeugen-Vernehmung eines Fluchthelfers durch die West-Berliner Polizei, 29.3.1962, in: StA Berlin, Az. 29/2 Js 148/90, Bl. 43-46.
[12] Vgl. Niederschrift der Zeugen-Vernehmung eines Tunnelflüchtlings durch die West-Berliner Polizei, 31.3.1962, in: Ebd., Bl. 63-65.
[13] Vgl. [MfS-]Operativplan zur Liquidierung des Stollens Heidelberger Straße 75, 26.3.1962, in: BStU, MfS, HA I Nr. 6068, Bl. 142-144, sowie Sachstandsbericht der VfS Groß-Berlin/Kreisdienststelle Treptow betr. Operativ-Vorgang „Krampe“, 30.3.1962, in: Ebd., Bl. 38-48.
[14] Bericht der VfS Groß-Berlin/Büro der Leitung betr. Falsches Herangehen bei der Liquidierung eines unterirdischen Ganges und Entweichung eines Verbrechers, 28.3.1962, in: Ebd., Bl. 138-141, hier Bl. 140.
[15] Vgl. Niederschrift der Zeugen-Vernehmung von Harry Seidel durch die West-Berliner Polizei, 30.3.1962, in: StA Berlin, Az. 29/2 Js 148/90, Bl. 58-59.
[16] Vgl. West-Berliner Sektionsbericht, 28.3.1962, in: Ebd., Bl. 10-13, sowie Bericht der West-Berliner Kriminaltechnischen Untersuchungsstelle, 30.3.1962, in: Ebd., Bl. 39-40.
[17] Vgl. Verfügung der Staatsanwaltschaft II bei dem Landgericht Berlin, 27.8.1997, in: Ebd., Bl. 278- 285, sowie Verfügung der Staatsanwaltschaft bei dem Kammergericht Berlin, 23.8.1993, in: Ebd., Bl. 269-275.