MICHAEL KOLLENDER

Michael Kollender Eine milde Nacht im späten April. Unter den vier Grenzposten am Teltowkanal herrscht „EK“-Stimmung. Sie werden in den nächsten Tagen entlassen und haben nur noch eine knappe Stunde Dienst zu verrichten. Entgegen der Vorschrift stehen sie beieinander und unterhalten sich, wobei die „EKs“ (Entlassungskandidaten) ihre Erleichterung darüber bekunden, dass es während ihrer Einsätze nie zu einem Fluchtversuch und damit verbundenen Schusswaffengebrauch gekommen ist.[1] Gegen 3.45 Uhr wird vom Postenturm an der Wredebrücke plötzlich das Leuchtsignal „5 Stern weiß“ geschossen. Im Schein des Leuchtsignals sehen sie den Schatten eines Flüchtenden. Einer der Grenzsoldaten meint, die Sommeruniform der NVA, einen Drillichanzug, zu erkennen; einen Moment später bemerkt er eine Waffe in der Hand des Flüchtenden.

Der Flüchtling ist der NVA-Soldat Michael Kollender, der in dieser Nacht vom 24. auf den 25. April 1966 als Posten an den Hallen der einstigen Hentschelwerke in Berlin-Johannisthal eingesetzt ist, in denen die Kampftechnik seiner Einheit untergebracht ist. Er flüchtet während seines Postendienstes in Uniform und mit seiner geladenen Maschinenpistole, läuft über das Gelände des ehemaligen Flugplatzes Johannisthal auf die Grenzanlagen zu und überwindet den Hinterlandsicherungszaun.

Michael Kollender, geboren am 19. Februar 1945 in Schlesien, wächst als ältestes von drei Geschwistern im sächsischen Oberlungwitz in einem katholisch geprägten Elternhaus auf. Er arbeitet als Traktorist und Kraftfahrer in der Maschinen-Traktoren-Station eines Nachbarortes. Anfang November 1965 wird er zum Wehrdienst in die NVA einberufen, wo er in einem Flugabwehr-Raketenregiment der Luftstreitkräfte zum Kanonier ausgebildet wird. Im Frühjahr darauf ist er als Teilnehmer für die Parade zum 1. Mai 1966 in Ost-Berlin vorgesehen.[2] Das kann ihm schwerlich gefallen haben, dem Katholiken, der bei seinen Vorgesetzten als „Querkopf“ gilt, und über den es in einem Bericht der Staatssicherheit heißt, er sei „äußerst undiszipliniert“ gewesen, habe „über Befehle diskutiert“ und „seinen Dienst nur widerwillig“ verrichtet.[3] Kollender trägt sich mit Fluchtgedanken, seit er bei der Armee ist. Seinem jüngeren Bruder soll er einmal anvertraut haben, dass er „illegal über die Grenze nach Westberlin gehen werde, wenn sich dazu die Gelegenheit bieten würde“.[4]

Nachdem sie den Flüchtenden entdeckt haben, nehmen die vier Grenzposten ihre MPis von der Schulter und stellen den Sicherungshebel auf Dauerfeuer. Sie verfolgen und umlaufen ihn und feuern dabei etliche Salven in die Luft, um ihn zur Aufgabe zu bewegen. Doch Kollender robbt schon über den Kontrollstreifen, er hat nur noch ein Hindernis vor sich, den dreifachen Stacheldrahtzaun; die dahinter liegende Uferböschung des Teltowkanals gehört bereits zu West-Berlin. Als sie auf Höhe des Flüchtenden sind, schießen die Grenzposten Sperrfeuer parallel zur Grenze, um ihn an der weiteren Flucht zu hindern. „Mensch, bleibt doch liegen!“, ruft ihm einer der Grenzer zu.[5] Michael Kollender ist nur noch wenige Meter vom eigentlichen Grenzverlauf entfernt - und er robbt weiter. Nicht weniger als 109 Schuß werden von den vier Grenzposten abgegeben. So schlechte Schützen sind sie alle nicht, dass sie nicht hätten treffen können, wenn sie gewollt hätten. Die „Ballerei“ ist weithin hörbar und veranlasst die Besatzung eines der im Kanal liegenden Binnenschiffe, sich in der Kajüte flach auf den Boden zu legen.[6] Entweder ist es ein gezielter Schuss oder ein vom Betonpfeiler des Grenzzaunes abprallender Querschläger, der Michael Kollender schwer am Kopf verletzt. Zwei bis drei Meter vor dem Stacheldrahtzaun bleibt er liegen. Die Grenzsoldaten schleifen den Schwerverletzten in einen Graben, leisten Erste Hilfe und benachrichtigen den Führungspunkt. Aus seiner entsicherten Maschinenpistole hat Michael Kollender keinen einzigen Schuß abgegeben.

Eine halbe Stunde später wird sein Körper, in eine Plane gewickelt, unter einem inzwischen eingetroffenen Sanitätsfahrzeug durchgeschoben und auf der dem Westen abgewandten Seite eingeladen. So soll verhindert werden, dass der Abtransport von West-Berlin aus beobachtet werden kann. Michael Kollender wird ins VP-Krankenhaus nach Berlin-Mitte gebracht, wo er gegen 6.00 Uhr verstirbt. Noch am selben Tag wird einer der beteiligten Grenzposten mit der „Medaille für vorbildlichen Grenzdienst“ ausgezeichnet, die anderen drei erhalten jeweils eine goldene Armbanduhr.[7] NVA-Stadtkommandant Poppe meldet SED-Politbüromitglied Erich Honecker, die Grenzsoldaten hätten sich „richtig“, „konsequent“ und „vorbildlich“ verhalten“.[8]

Im Herbst 1995 wird der mutmaßliche Todesschütze vom Landgericht Berlin freigesprochen, weil „Fahnenflucht auch unter Zugrundelegung rechtsstaatlicher Grundsätze strafrechtlich verfolgbares Unrecht darstellte“ und Michael Kollender somit „einen rechtmäßigen Verfolgungsanspruch der zuständigen DDR-Organe ausgelöst“ habe.[9] Der Schütze habe insofern nicht rechtswidrig gehandelt.[10] Im Revisionsverfahren vor dem Bundesgerichtshof werden Schüsse auf NVA-Deserteure durch höchstrichterliche Rechtsprechung legitimiert: Nach dem DDR-Militärstrafgesetz von 1962, so der BGH, stellte Fahnenflucht ein Verbrechen dar. Die Tötung von Deserteuren sei deshalb entschuldigt, weil den Todesschützen in diesem „Spezialfall“ die Rechtswidrigkeit ihres Tuns nicht offensichtlich sein konnte.[11]

Zwei Tage nach den tödlichen Schüssen auf Michael Kollender wird seinen Eltern von NVA-Offizieren mitgeteilt, dass ihr Sohn bei einem Fluchtversuch erschossen worden sei.[12] Einzelheiten erfahren sie nicht, erhalten aber den „Rat“, über den Hintergrund des Todes ihres Sohnes Stillschweigen zu bewahren. Die im Besitz der Familie befindlichen Unterlagen über seine Armeezeit werden eingezogen.

Unter der Beobachtung von Stasi-Mitarbeitern wird Michael Kollender im kleinen Kreis der Familie in seiner Heimatstadt beigesetzt.

[Text: Martin Ahrends/Udo Baron/Hans-Hermann Hertle]

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[1] Vgl. zum Geschehensablauf die Sachverhaltsfeststellungen in: Urteil des Landgerichts Berlin vom 12.9.1995, in: StA Berlin, Az. 2 Js 79/91, Bd. 3, insbes. Bl. 226-240.
[2] Vgl. Einzel-Information Nr. 327/66 des MfS/ZAIG über eine verhinderte Fahnenflucht mit tödlichem Ausgang im Abschnitt Berlin-Johannisthal, Wredebrücke am 25.4.1966, 27.4.1966, in: BStU, MfS, ZAIG Nr. 1305, Bl. 21-23, hier Bl. 22.
[3] Ebd., Bl. 23.
[4] Zeugen-Vernehmung des Bruders von Michael Kollender durch die Polizeidienststelle Amberg vom 9.7.1979, in: StA Berlin, Az. 27 Js 46/95, Bd. 1, Bl. 137.
[5] Vgl. Urteil des Landgerichts Berlin vom 12.9.1995, in: StA Berlin, Az. 2 Js 79/91, Bd. 3, insbes. Bl. 236.
[6] Ebd., Bl. 237.
[7] Ebd., Bl. 239.
[8] Meldung von NVA-Stadtkommandant Poppe an SED-Politbüromitglied und NVR-Sekretär Erich Honecker, Betr.: Verhinderung eines Grenzdurchbruchs durch Anwendung der Schusswaffe am 25.4.1966 im Abschnitt 1./GR 42, 25.4.1966, in: BArch, VA-07/8373, Bl. 109-110.
[9] Urteil des Landgerichts Berlin vom 12.9.1995, in: StA Berlin, Az. 2 Js 79/91, Bd. 3, Bl. 254.
[10] Ebd., Bl. 255.
[11] Urteil des Bundesgerichtshofs (5 StR 137/96) vom 17.12.1996, in: StA Berlin, Az. 2 Js 79/91, Bd. 4, Bl. 87-95, Zitat Bl. 93. – Das erstinstanzliche Urteil des Landgerichts Berlin vom 12.9.1995 sowie das Revisionsurteil des Bundesgerichtshofes vom 17.12.1996 sind dokumentiert in: Klaus Marxen/Gerhard Werle (Hg.), Strafjustiz und DDR-Unrecht. Band 2/1. Teilband: Gewalttaten an der deutsch-deutschen Grenze, Berlin/New York 2002, S. 249-281.
[12] Vgl. hierzu und zum Folgenden: Zeugen-Vernehmung eines Bruders von Michael Kollender durch die Polizeidienststelle Amberg vom 9.7.1979, in: StA Berlin, Az. 27 Js 46/95, Bd. 1, Bl. 138.