PAUL STRETZ

Paul Stretz Paul Stretz, geboren am 28. Februar 1935 im bayerischen Luitpoldshöhe, lebt mit seiner Frau unweit von Nürnberg in Ottensoos. Ein schwerer Schicksalsschlag trifft das Paar, als die erste Tochter Karin im Oktober 1960 als dreimonatiges Kind verstirbt. Im November 1961, kurz vor der Geburt der zweiten Tochter, trennt sich seine Frau von Paul Stretz wegen dessen Alkoholproblem. Eine Zeitlang bleibt er noch in Ottensoos wohnen, pflegt aber keinen Kontakt mehr zu seiner Familie und kümmert sich nicht um deren Unterhalt.[1] Dann zieht er nach West-Berlin um. Ohne einen festen Wohnsitz zu haben, arbeitet er zuletzt als Lagerarbeiter für eine Speditionsfirma.[2] Die Ehe wird im Januar 1966 geschieden.

Am 29. April 1966 ist Paul Stretz mit anderen Kollegen am Spandauer Schifffahrtskanal beschäftigt, wo die Grenze am West-Berliner Kanalufer verläuft. Es ist ein heißer Tag, Paul Stretz hat seinen Durst mit Bier gelöscht. Er ist nicht unerheblich angetrunken, als er gegen 15.30 Uhr auf die Idee verfällt, im Kanal baden zu gehen.[3] In der Kanalwand sind Stufen eingelassen, die steigt er hinab, plätschert im Wasser. Kollegen, die von oben zusehen, warnen ihn: Das Gewässer gehört zum Ostteil der Stadt, hier zu baden ist lebensgefährlich.

Paul Stretz macht sich nichts daraus. Er legt seine Kleidung ab und schwimmt ein paar Meter hinaus, bis zur Kanalmitte. Auch dass ein Zollbeamter versucht, ihn zurückzurufen, kann ihm die Badelaune nicht verderben. Sein letzter Satz: „Ach was, die Heckenschützen, das Wasser ist so schön warm!“[4], ist von mehreren Zeugen überliefert.

Als er zurückschwimmen will, bereitet ihm die Strömung Mühe. Inzwischen ist er hinter einem vorbeifahrenden Schiff für zwei Grenzposten vom Wachturm aus sichtbar geworden. Die halten ihn für einen DDR-Flüchtling, dem die Flucht beinahe gelungen ist. Der Wachturm ist ca. 250 Meter entfernt, einen Warnruf würde der Schwimmer nicht hören. Sofort beginnen die beiden Grenzer vom Turm aus auf Paul Stretz zu schießen, der sich tauchend dem Beschuss zu entziehen sucht.

Vor den streuenden Geschossen fliehen die Arbeitskollegen und gehen in Deckung. Da das Maschinengewehr in der Hand des einen Grenzpostens bei Dauerfeuer allzu deutlich verreißt, wechseln die Posten die Waffen und schießen weiter. Inzwischen hören zwei andere Grenzsoldaten auf ihrer Patrouille das Schießen, rennen zum Wachturm, erkundigen sich, was los ist und erkennen den Schwimmer. Sie eilen zum Kanalufer und nehmen ihn von dort aus unter direkten Beschuss. Ein Querschläger trifft einen der Schützen am Arm, woraufhin er das Feuer einstellt.[5] 176 Schuss Dauerfeuer werden abgegeben, sie schlagen auf West-Berliner Seite unter anderem in ein Fenster des Reichstages, einen VW-Käfer und in das Gebäude einer Lehranstalt ein.[6] Vier Kugeln treffen Paul Stretz von hinten in Kopf, Brust und Oberarm, er ist sofort tot und versinkt im Kanal.[7]

Kurz darauf kreuzt ein DDR-Grenztruppenboot auf, um den Leichnam zu bergen. Es wird von wütenden West-Berlinern mit Steinen beworfen.[8] Die Suche wird abgebrochen und erst bei Dunkelheit fortgesetzt. Gegen 23.15 Uhr bergen DDR-Taucher, vom Westen aus unbemerkt, die Leiche und bringen sie zur Obduktion ins Gerichtsmedizinische Institut der Charité.[9]

Erst im Jahre 1997 werden die Todesschützen vom Berliner Landgericht zu einer einjährigen Haftstrafe auf Bewährung verurteilt.[10]

Der Tod von Paul Stretz und die Schießerei am Spreebogen, im früheren Herzen der Stadt, erregt im Westen großes Aufsehen. Unmittelbar nach den Schüssen erscheinen West-Berliner Polizisten, Feuerwehr, Zoll und britische Militärpolizei am Tatort. Vor allem vor dem Hintergrund der laufenden Gespräche zwischen SED und SPD über einen geplanten Redneraustausch findet der Vorfall in den folgenden Tagen in Politik und Presse ein breites Echo.[11]

Immer wieder kommt es zu Protestaktionen von West-Berlinern gegen die Schüsse an der Mauer. So wird an der Stelle, an der Paul Stretz starb, ein Plakat mit der Aufschrift „Mord! Soll die Welt wieder mit Fingern auf uns Deutsche zeigen?“[12] aufgestellt. Demgegenüber ist in der Ost-Berliner Presse von einer „Provokation gegen die Staatsgrenze der DDR“[13] die Rede. Der tote Paul Stretz wird als „Opfer eines bestellten, zielgerichteten Anschlages“[14] der westdeutschen Politik gegen die DDR dargestellt.

Obwohl man den Erschossenen aufgrund westlicher Zeitungsmeldungen im Osten identifiziert hat, wird er als „unbekannter Toter“ Anfang Mai 1966 auf dem Städtischen Friedhof Berlin-Marzahn beigesetzt.[15]

Alle Versuche seiner Mutter, seine sterblichen Überreste in die Heimat zu überführen, scheitern.[16]

[Text: Martin Ahrends/Udo Baron]

-----
[1] Vgl. Brief der geschiedenen Ehefrau von Paul Stretz an Hans-Hermann Hertle, 5.12.2008.
[2] Vgl. Schreiben der Gemeinde Ottensoos an die West-Berliner Polizei, 9.5.1966, in: StA Berlin, Az. 27 Js 169/90, Bd. 1, Bl. 45.
[3] Vgl. zum Geschehensablauf die Sachverhaltsfeststellungen in: Urteil des Landgerichts Berlin vom 27.1.1997, StA Berlin, Az. 27 Js 169/90, Bd. 5, Bl. 13-18.
[4] Bericht der West-Berliner Polizei über den Totschlag an der Sektorengrenze in Berlin-Tiergarten, Spandauer Schifffahrtskanal, 29.4.66, in: Ebd., Bl. 8.
[5] Vgl. Urteil des Landgerichts Berlin vom 27.1.1997, StA Berlin, Az. 27 Js 169/90, Bd. 5, Bl. 14-17.
[6] Vgl. Bericht der West-Berliner Polizei über den Totschlag an der Sektorengrenze in Berlin-Tiergarten, Spandauer Schifffahrtskanal, 29.4.66, in: StA Berlin, Az. 27 Js 169/90, Bd. 1, Bl. 6-7.
[7] Vgl. Urteil des Landgerichts Berlin vom 27.1.1997, StA Berlin, Az. 27 Js 169/90, Bd. 5, Bl. 17.
[8] Vgl. Bericht der NVA/1. Grenzbrigade zum versuchten Grenzdurchbruch im Abschnitt des GR 33, 29.4.1966, in: BArch, VA-07/19876, Bl. 15.
[9] Vgl. Bericht des MfS/HA I/Abwehr B/UA 1. Grenzbrigade/Operativgruppe GR 33 über versuchten Grenzdurchbruch einer männlichen Person mit tödlichen Ausgang, 29.4.1966, in: BStU, MfS, ZAIG Nr.10747, Bl. 103.
[10] Vgl. Urteil des Landgerichts Berlin vom 27.1.1997, StA Berlin, Az. 27 Js 169/90, Bd. 5, Bl. 1-3.
[11] Vgl. Welt am Sonntag, 1.5.1966; Berliner Morgenpost, 1.5.1966; Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2.5.1966.
[12] Bericht des MfS/HA I/Abwehr B/UA 1. Grenzbrigade/Operativgruppe GR 33 über die Aufstellung eines Hetzplakates durch das „SAS“, 30.4.1966, in: BStU, MfS, ZAIG Nr.10747, Bl. 102.
[13] „Erneute Provokation gegen die Staatsgrenze der DDR“, in: Neues Deutschland, 30.4.1966.
[14] „Bestellte Provokation“, in: Neues Deutschland, 1.5.1966.
[15] Vgl. Schreiben des DDR-Generalstaatsanwalts an das Städtische Bestattungswesen in Ost-Berlin, 4.5.1966, in: StA Berlin, Az. 27 Js 169/90, Bd.3, Bl. 166.
[16] Vgl. Schreiben der Gemeinde Ottensoos an die West-Berliner Polizei, 9.5.1966, in: StA Berlin, Az. 27 Js 169/90, Bd. 1, Bl. 45.