CHRISTEL UND ECKHARD WEHAGE

Eckhard Wehage, geboren am 8. Juli 1948 in Berßel, unternimmt schon als 15-jähriger Schüler gemeinsam mit einem Freund den Versuch, per Boot über die Ostsee in den Westen zu fliehen. Noch bevor sie ablegen können, erregen die beiden Jugendlichen Verdacht, werden am 10. Mai 1963 von der Volkspolizei in Grevesmühlen festgenommen und zu ihren Eltern zurückgeschickt.

Im selben Jahr, am 21. August, unternimmt Eckhard Wehage allein einen zweiten Anlauf, die DDR zu verlassen. Mit dem Zug will er in die Tschechoslowakei fahren, um von dort aus in die Bundesrepublik zu flüchten. Auch dieser Versuch scheitert, im vogtländischen Adorf wird er verhaftet. Verzichteten die DDR-Behörden beim ersten Mal aufgrund seines Alters auf ein Ermittlungsverfahren, so wird diesmal Anklage wegen „Republikflucht“ erhoben. Am 18. Oktober 1963 verurteilt die Jugendstrafkammer des Kreisgerichtes Halberstadt den 16-jährigen Eckhard Wehage zu einer Freiheitsstrafe von acht Monaten auf Bewährung.[1] Wegen „erheblicher Fehler in der Erziehungsarbeit seitens der Eltern“ wird eine „Schutzaufsicht“ veranlasst.[2] Er soll einsehen, dass ihm „die Arbeiter- und Bauernmacht in seinem Interesse nicht erlaubt, von einem sozialistischen Staat in einen Ausbeuterstaat überzuwechseln“[3], so die Urteilsbegründung.

Eckhard Wehage scheint sich von nun an mit den Verhältnissen in der DDR zu arrangieren. Seit 1967 ist er Angehöriger der DDR-Volksmarine, wo er sich auf zehn Jahre als Berufssoldat verpflichtet. Zunächst absolviert er erfolgreich die Unteroffiziersschule in Stralsund und wird im Anschluss daran als Oberbootsmann auf einem Minenlege- und -räumboot eingesetzt.[4]

In dieser Zeit lernt er die aus Wolmirstedt stammende Christel Zinke, geboren am 15. Dezember 1946, kennen. Sie ist Psychotherapeutin im Kreiskrankenhaus ihrer Heimatstadt.[5] Schon bald heiraten die beiden und versuchen, eine Familie zu gründen. Nun machen sie ihre Erfahrungen mit der Reglementierung ihres Erwachsenenlebens in der DDR. Von einer freien Wahl des Arbeitsplatzes und Wohnsitzes kann keine Rede sein, es gibt eine staatliche Absolventen- und Wohnraumlenkung. Über Jahre hin versucht das Paar alles, um einen gemeinsamen Arbeitsort und dort eine gemeinsame Wohnung zu finden. In dem Abschiedsbrief, den jeder der Beiden an die Eltern hinterlässt, wird der gemeinsame Fluchtversuch detailliert begründet. Das Wohnungsdilemma spielt dabei eine Hauptrolle: Nur mit Kindern hätten die Beiden eine Chance, in jene Dringlichkeitsstufe der Wohnraumlenkung aufgenommen zu werden, die allein eine Chance böte, nach ungewisser Wartezeit mit Wohnraum „versorgt“ zu werden. „Wir können aber unter den jetzigen ungewissen Umständen uns keine Kinder leisten. Damit würde das Dilemma nur noch größer werden.“[6]

Die beiden Wehages wollen ihr junges Leben nicht verwarten. Als im Frühjahr 1970 die Hoffnung platzt, in absehbarer Zeit eine gemeinsame Wohnung zugewiesen zu bekommen, fasst das Ehepaar einen radikalen Entschluss: Mit Hilfe eines von ihnen entführten Flugzeuges in die Bundesrepublik zu fliehen. Es gelingt Eckhard Wehage, in der Waffenkammer seiner Einheit zwei Pistolen nebst Munition zu entwenden und damit in einen Kurzurlaub zu gehen. Er trifft seine Frau in Ost-Berlin. Das Paar bucht zwei Plätze für den Linienflug von Ost-Berlin nach Dresden am 9. März 1970.[7] Da der Flug ausfällt, versuchen sie es erneut. Gemeinsam kaufen sie zwei Tickets für den Flug von Ost-Berlin nach Leipzig, der am darauf folgenden Tag startet. Im Hotel des Flughafens Schönefeld übernachten die beiden und schreiben Abschiedsbriefe an die Eltern, die diese auch erreichen.[8] Eckhard Wehage bringt darin die Konsequenz eines gescheiterten dritten Fluchtversuchs zum Ausdruck: „Wir wollen doch nur unser eigenes Leben leben, so wie wir es gern möchten. […] Sollte unser Vorhaben scheitern, werden Christel und ich aus dem Leben scheiden. […] Der Tod ist dann die beste Lösung.“[9]

Am Morgen des 10. März 1970, kurz vor 8.00 Uhr, besteigt das junge Ehepaar mit weiteren 15 Passagieren in Schönefeld eine AN-24 der DDR-Fluglinie Interflug, die nach Leipzig fliegen soll. Kurz nach dem Start der Maschine fordert Eckhard Wehage mit vorgehaltener Pistole die Stewardess auf, Kontakt mit den Piloten herzustellen: Sie sollen einen Flughafen in Hannover anfliegen. Bei ihrer Durchsage ins Cockpit verwendet die Stewardess einen geheimen Notfallcode. Als aus dem Cockpit keine Reaktion kommt, schießt Eckhard Wehage so lange auf das Türschloss, bis es nachgibt. Doch statt im Cockpit steht er vor einer weiteren verschlossenen Tür, die sich allen Bemühungen zum Trotz nicht öffnen lässt. Während die Stewardess das verzweifelte Ehepaar dazu überredet, wegen angeblichen Treibstoffmangels einer Landung in Berlin-Tempelhof statt in Hannover zuzustimmen, kann die Besatzung vom Cockpit aus durch den Türspion die Vorgänge beobachten und zum Rückflug abdrehen.

Sekunden vor der Landung ruft ein überraschter Passagier, man sei wieder in Schönefeld. Als Christel und Eckhard Wehage aus dem Fenster schauen, ist ihnen klar, dass ihr Fluchtversuch gescheitert ist. Während die Maschine landet, kehrt das Paar auf seine Sitze zurück. Dann fallen zwei Schüsse. Christel und Eckhard Wehage haben sich selbst getötet.[10] Ihre Leichen werden in Ost-Berlin eingeäschert und später im engsten Familienkreis auf einem Friedhof in Magdeburg beigesetzt.[11]

Die Eltern der Opfer geraten nun in den Mittelpunkt der Ermittlungen der Staatssicherheit. „Dabei werden der Einsatz von operativer Technik in den Wohnungen und Postkontrolle eingeleitet“, heißt es im entsprechenden Maßnahmeplan vom 16. März 1970.[12] In der Folgezeit werden ihre Wohnungen durchsucht und „verwanzt“, ihr Alltag wird überwacht, sie werden mit Blick auf eine mögliche „Mittäterschaft“ vernommen. Die Staatssicherheit kann die beiden Elternpaare „überzeugen“, an der Verschleierung der wahren Todesumstände ihrer Kinder mitzuwirken. Angehörigen, Freunden und Arbeitskollegen gegenüber heißt es von nun an, Eckhard und Christel Wehage seien mit einem Dienstwagen auf dem Weg zu einer Wohnungsbesichtigung in Rostock gewesen, als sie gegen einen Baum fuhren und dabei ums Leben kamen. „Beide Ehepaare werden dazu bei eventuellen neugierigen Anfragen angeben, daß der Unfall infolge überhöhter Geschwindigkeit bei Glatteis ohne Zeugen erfolgte […].“[13] Zugleich sollen inoffizielle Stasi-Mitarbeiter die Stimmung am Wohnort der Eltern feststellen und beeinflussen.[14]

Allen Bemühungen des MfS zum Trotz wollen die Gerüchte aber nicht verstummen, die eine Verbindung zwischen dem Tod der beiden jungen Wehages und der gescheiterten Entführung eines Flugzeuges in Berlin-Schönefeld herstellen.[15]

Im Rahmen einer groß angelegten Festveranstaltung werden die Besatzungsmitglieder der entführten Interflugmaschine am 26. März 1970 von Stasi-Minister Erich Mielke persönlich mit der Verdienstmedaille der NVA in Gold ausgezeichnet. Der Pilot erhält ein Stereo-Radio, der Copilot ein Tonbandgerät, der Mechaniker einen Teppich und die Stewardess eine Strickmaschine aus den Händen des Ministers.[16]

Ein Vierteljahrhundert später wendet sich ein ehemaliger DDR-Bürger an die „Zentrale Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität“ (ZERV) und berichtet über den tödlich verlaufenen Fluchtversuch der Wehages. Daraufhin leitet die Staatsanwaltschaft Berlin im Oktober 1996 Ermittlungen ein, die im Juni 1997 eingestellt werden, weil sich keine Anhaltspunkte für eine strafbare Handlung von Seiten der DDR-Behörden finden lassen; soweit eine Straftat von Christel und Eckhard Wehage begangen worden sein sollte, habe sich ein Verfahren durch ihren Tod erledigt.[17]

[Text: Martin Ahrends/Udo Baron]


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[1] Vgl. Urteil des Kreisgerichtes Halberstadt gegen Eckhard Wehage vom 21. Oktober 1963, in: BStU, MfS, HA IX Nr. 10389, Bl. 230-233.
[2] Ebd., Bl. 234.
[3] Ebd.
[4] Vgl. Protokoll der Zeugenvernehmung des Vorgesetzten von Eckhard Wehage bei der DDR-Volksmarine durch das MfS, Wolgast, 13.3.1970, in: BStU, MfS, HA IX Nr. 10388, Bl. 204.
[5] Vgl. Information des MfS/HA IX, 10.3.1970, in: BStU, MfS, HA XIX Nr. 1956, Bl. 8.
[6] Handschriftlicher Abschiedsbrief von Christel Wehage an ihre Eltern, o. D. [Poststempel 10.3.1970], in: BStU, MfS, HA IX Nr. 10389, Bl. 221.
[7] Vgl. Information des MfS/HA IX, 10.3.1970, in: BStU, MfS, HA XIX Nr. 1956, Bl. 11.
[8] Ebd.
[9] Handschriftlicher Abschiedsbrief von Eckhard Wehage an seine Eltern, o. D. [Poststempel 10.3.1970], in: BStU, MfS, HA IX Nr. 10389, Bl. 83-85.
[10] Vgl. Information des MfS/HA IX, 10.3.1970, in: BStU, MfS, HA XIX Nr. 1956, Bl. 8-10; handschriftliches Protokoll der Befragung zweier Passagiere durch das MfS, 10.3.1970, in: BStU, MfS, HA IX Nr. 10388, Bl. 335-339.
[11] Vgl. IM-Bericht des MfS/Kreisdienststelle Wolmirstedt, 17.4.1970, in: BStU, MfS, HA IX Nr. 10391, Bl. 143-145.
[12] Maßnahmeplan des MfS/HA IX zur weiteren Aufklärung der versuchten Flugzeugentführung vom 10.3.1970, 16.3.1970, in: BStU, MfS, HA IX Nr. 10387, Bl. 156.
[13] Bericht über das Gespräch eines Militärstaatsanwalts und eines MfS-Mitarbeiters mit den Eltern von Christel und Eckhard Wehage, in: BStU, MfS, HA IX Nr. 10391, Bl. 168.
[14] Vgl. Maßnahmeplan des MfS/HA IX zur weiteren Aufklärung der versuchten Flugzeugentführung vom 10.3.1970, 16.3.1970, in: BStU, MfS, HA IX Nr. 10387, Bl. 156.
[15] Vgl. IM-Bericht des MfS/Kreisdienststelle Wolmirstedt, 17.4.1970, in: BStU, MfS, HA IX Nr. 10391, Bl. 143-145.
[16] Vgl. Festveranstaltung anlässlich der Auszeichnung von Mitarbeitern der Interflug am 26.3.1970 im Klub der Interflug, in: BStU, MfS, HA XIX Nr. 1956, Bl. 123-127.
[17] Vgl. Verfügung der Staatsanwaltschaft II bei dem Landgericht Berlin, 4.6.1997, in: StA-Archiv, Az. 27 Js 175/96, Bd. 1, Bl. 66-68.