CETIN MERT

Cetin Mert Cetin Mert, geboren am 11. Mai 1970, lebt mit seinen türkischen Eltern und seinen beiden Brüdern im West-Berliner Stadtteil Kreuzberg.

Der 11. Mai 1975, sein fünfter Geburtstag, ist ein sonniger Sonntag, die Eltern wollen mit den Kindern zum Picknick ins Grüne fahren. Bevor es soweit ist, spielt Cetin mit den Nachbarskindern am Gröbenufer mit einem Ball; neue weiße Turnschuhe hat er zum Geburtstag bekommen.[1] Als der Ball die Böschung hinab in die Spree rollt, eilt das Geburtstagskind hinterher und versucht, ihn mit einem Stock aus dem Wasser zu fischen. Dabei fällt der Junge selbst in die Spree, die an dieser Stelle in voller Breite zu Ost-Berlin gehört.

Wenige Minuten später, gegen 12.30 Uhr, treffen die West-Berliner Polizei und Feuerwehr an der Unglücksstelle ein. Feuerwehrmänner suchen vom Ufer aus mit einem Gestänge nach Cetin Mert. Zugleich bemüht sich ein Brandmeister am Grenzübergang Oberbaumbrücke vergeblich um eine Genehmigung für den Einsatz der Rettungskräfte. Unterdessen versuchen Passanten durch Zurufe die DDR-Grenzposten auf den Vorfall aufmerksam zu machen. Kein West-Berliner wagt sich in das scharf bewachte Gewässer. Erst gegen 13.10 Uhr trifft ein Grenzsicherungsboot der DDR am Unfallort ein.[2] Eine Stunde später bergen Taucher der Grenztruppen den Leichnam von Cetin Mert, kaum fünf Meter vom Westufer entfernt.

Was damals niemand weiß, sondern sich erst aus Stasi-Unterlagen erschließen lässt: Ein Postenpaar der Grenztruppen, zwei sogenannte Aufklärer, beobachten, wie Certin Mert ins Wasser fällt und fotographieren den Unfall sogar. Weil sie jedoch über keine Nachrichtenverbindung verfügen, erstatten sie erst wesentlich später Meldung.[3]

Cetin Mert ist das vierte Kind, das innerhalb von drei Jahren unweit der Oberbaumbrücke beim Spielen in der Spree ertrunken ist. Trotz wütender Proteste von Angehörigen und Passanten, die sich am Gröbenufer versammeln, wird die Leiche des kleinen Jungen nicht nach der West-Berliner Seite hin übergeben, von der aus er ins Wasser fiel, sondern ins Gerichtsmedizinische Institut der Charité nach Ost-Berlin gebracht.[4] Erst Tage später wird der tote Junge den Eltern übergeben.

In den folgenden Tagen kommt es an der Unglücksstelle immer wieder zu heftigen Protesten gegen das DDR-Grenzregime. Die Staatssicherheit notiert Sprechchöre Jugendlicher: „Mörder, Mörder, Kindermörder!“[5] Etwa 2.000 Mitglieder der türkischen Gemeinde West-Berlins demonstrieren gegen das Verhalten der DDR-Grenzposten und verteilen Flugblätter mit Aufschriften wie „Nieder mit der Schandmauer – Nieder mit dem Mörderkommunismus“.[6]

Um weitere Unfälle am Kreuzberger Gröbenufer zu verhindern, lässt der West-Berliner Senat in einer ersten Reaktion die vier Durchgänge zur Uferböschung zuschweißen und vor der Kaimauer einen Maschendrahtzaun ziehen. Ferner werden große Warnhinweisschilder in deutscher und türkischer Sprache aufgestellt.[7] Die Grenztruppen wiederum erhalten insgeheim den Befehl, unterhalb der Oberbaumbrücke gegenüber dem Gröbenufer von 8.00 Uhr bis Sonnenuntergang ein Positionsboot einzusetzen „mit der Aufgabe, bei Feststellung durch die Besatzung oder nach Alarmierung bei Unfällen (...) sofort den Unfallort anzulaufen, unverzüglich Hilfe zu leisten und erste Maßnahmen der Bergung einzuleiten“.[8]

Die Bundesregierung und der Berliner Senat sowie die Westalliierten äußern ihre Bestürzung über das Verhalten der DDR-Behörden. Vor allem die Bundesregierung fühlt sich durch das Verhalten der DDR in ihren Bemühungen um ein besseres Klima zwischen den beiden deutschen Staaten düpiert und fordert, dass die seit mehr als zwei Jahren andauernden Verhandlungen mit der DDR über Erste-Hilfe-Maßnahmen im Bereich der Sektorengrenze endlich erfolgreich zum Abschluss gebracht werden. Zwar hatte die DDR bereits zu Beginn der Gespräche im Juni 1973 einen Vertragsentwurf vorgelegt, der die Möglichkeit von Hilfsleistungen bei Unglücksfällen an der gesamten Grenze rund um Berlin vorsieht. Doch dessen Formulierungen zielen darauf ab, die Sektorengrenze zur Staatsgrenze zu erheben, was Senat und Alliierte mit Blick auf den Viermächte-Status Berlins nicht zulassen können.

Als der West-Berliner Senat im Einvernehmen mit den alliierten Schutzmächten auf den Vorschlag der DDR von 1973 nicht eingeht, verlaufen die folgenden Verhandlungen ergebnislos.[9] Es müssen mit Guiseppe Savoca und Cetin Mert noch weitere Kinder ertrinken, bevor Senat und DDR-Regierung am 29. Oktober 1975 ein Abkommen über Rettungsmaßnahmen bei Unglücksfällen in den Berliner Grenzgewässern unterzeichnen. Dieses sieht vor, dass Personen, die von West-Berlin aus in „Grenzgewässern in eine akute Notlage geraten“, auch von der West-Berliner Seite aus gerettet werden dürfen. Zuvor muss durch am Ufer aufzustellende Rettungssäulen den Grenzposten kenntlich gemacht werden, dass es sich um einen Notfall handelt.[10] Diese Rettungssäulen werden im Frühjahr 1976 an der Wassergrenze zwischen Ost- und West-Berlin installiert.

Die Trauerfeier für Cetin Mert in West-Berlin wird abermals zu einer Massendemonstration gegen das SED-Grenzregime, vor allem der türkischen Gemeinde in West-Berlin. In Düzce, dem türkischen Heimatort seiner Eltern, wird Cetin Mert beigesetzt.[11] Die Familie hält dort seither jedes Jahr an seinem Todestag eine religiöse Trauerfeier ab.

[Text: Martin Ahrends/Udo Baron/Hans-Hermann Hertle]

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[1] Vgl. „Ein Maueropfer aus dem Westen“, Berliner Zeitung, 13.5.2000.
[2] Vgl. Information des MfS/HA I/Grenzkommando Mitte/Abwehr über die Bergung einer Kindesleiche aus dem Grenzgewässer, 11.5.1975, in: BStU, MfS, HA I Nr. 14878, Bl. 215-216.
[3] Ebd., Bl. 216, sowie Information des MfS/HA I/Grenzkommando Mitte/Abwehr über die Bergung einer Kindesleiche aus dem Grenzgewässer, 12.5.1975, in: BStU, MfS, HA I Nr. 14878, Bl. 218. – „Möglichkeiten der Rettung dieses Kindes durch das Postenpaar bestanden nicht“, heißt es lapidar in diesem Stasi-Bericht (ebd., Bl. 218). Das Postenpaar gibt als Zeitpunkt des Unfalls später 11.27 Uhr an und irrt sich dabei um eine Stunde.
[4] Vgl. Information des MfS/HA I/Grenzkommando Mitte/Abwehr über die Bergung einer Kindesleiche aus dem Grenzgewässer, 12.5.1975, in: BStU, MfS, HA I Nr. 14878, Bl. 217-218.
[5] Bericht des MfS/HA I/Grenzkommando Mitte/Bereich Aufklärung, über die Untersuchung der Provokation an der Staatsgrenze zu Westberlin im Grenzregiment 35, 14.5.1975, in: BStU, MfS, HA I Nr. 14878, Bl. 232-233.
[6] Bericht des [MfS]HA I/Grenzkommando Mitte über die Situation an der Staatsgrenze vom 19.5. bis 20.5.1975, 20.5.1975, in: BStU, MfS, HA I Nr. 14878, Bl. 229.
[7] Vgl. Berliner Morgenpost, 15.5.1975.
[8] Befehl Nr. 47/75 des Kommandeurs des Grenzkommandos Mitte über Maßnahmen zur Rettung und Bergung von Personen aus dem Grenzgewässer im Abschnitt des Grenzregimentes 35, 8.7.1975, in: BArch, GT 5662, Bl. 256/257.
[9] Vgl. Berliner Morgenpost, 13.5.1975.
[10] Vgl. den Briefwechsel zwischen der DDR und dem Senat von Berlin über Rettungsmaßnahmen bei Unglücksfällen an der Sektorengrenze vom 29. Oktober 1975, in: Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen (Hg.), Zehn Jahre Deutschlandpolitik, Bonn 1980, S. 287. Zu den Hintergründen aus West-Berliner Sicht siehe Gerhard Kunze, Grenzerfahrungen. Kontakte und Verhandlungen zwischen dem Land Berlin und der DDR 1949-1989, Berlin 1999, S. 404/405, aus Ost-Berliner Sicht Joachim Mitdank, Die Berlin-Politik zwischen 17. Juni 1953, dem Viermächteabkommen und der Grenzöffnung 1989. Erinnerungen eines Diplomaten, Berlin 2003, S. 100-108, sowie den Beitrag: „Der nasse Tod“, in: Peter Pragal/Eckart D. Stratenschulte, Der Monolog der Lautsprecher und andere Geschichten aus dem geteilten Berlin, München 1999, S. 58-65.
[11] Vgl. „Ein Maueropfer aus dem Westen“, Berliner Zeitung, 13.5.2000.