HENRI WEISE

Henri Weise Am Morgen des 27. Juli 1977 machen Grenzsoldaten an der Wasser-Grenzübergangsstelle Marschallbrücke in Berlin-Mitte einen schrecklichen Fund. Beim Öffnen der Wassersperre entdecken sie eine in der Sperre eingeklemmte Leiche. Erst der herbeigeholten Feuerwehr gelingt es, den Leichnam zu bergen, der zur Obduktion in das Gerichtsmedizinische Institut der Ost-Berliner Charité gebracht wird.[1] Die Leiche ist stark verwest und nur noch mit Stoffresten bekleidet, so dass angenommen wird, dass sie schon seit ca. zwei Monaten im Wasser gelegen hat. Für den Obduzenten ist die Todesursache nicht mehr feststellbar. Er findet jedoch keine Hinweise auf Gewalteinwirkungen. Die Identifizierung der Leiche erfolgt schließlich anhand einer früheren Verletzung am Unterkiefer und des Zahnstatus.[2] Bei dem Toten handelt es sich um Henri Weise.

Henri Weise, am 13. Juli 1954 in Pößneck geboren, wächst als ältester von drei Söhnen bei seinen Eltern, einem Kraftfahrer und einer Verkäuferin, im thüringischen Ranis auf. Offensichtlich verläuft Henri Weises Leben zumindest bis zur Beendigung seiner Berufsausbildung unauffällig und angepasst. In einem Lebenslauf, den er für eine Bewerbung geschrieben hat, hebt er hervor, dass ihm in der Raniser Oberschule die Funktionen des Brigadeleiters, des stellvertretenden Gruppenvorsitzenden und des Verantwortlichen für Sport und Kultur anvertraut wurden.[3] Henri Weise ist Mitglied der FDJ.[4] Als er im September 1971 eine Werkzeugmacherlehre im VEB Carl Zeiss Jena beginnt, wird er Mitglied im FDGB und in der „Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft“. In der „Gesellschaft für Sport und Technik“ wird er als politisch nicht organisiertes Mitglied geführt.[5] Im Februar 1974 beendet er die Ausbildung. Ein Jahr zuvor lassen sich seine Eltern scheiden. Der Vater zieht nach Berlin. Henri Weise wohnt bei der Mutter in Ranis. Beschäftigt ist er zunächst als Glas- und Gebäudereiniger, dann als Gesteinsbohrer und Heizungsmonteur. Henri Weises Mutter beschreibt ihren Sohn bei einer späteren Vernehmung durch die Volkspolizei als Einzelgänger, der keine Freunde und keine Freundin hatte.[6]

Im Mai 1976 stellt Henri Weise einen ersten Antrag auf Ausreise in die Bundesrepublik. Er gibt an, dass er kein Interesse hat, für die DDR zu arbeiten, da die „Ausbeutung des Menschen durch den Menschen nicht beseitigt worden“ sei.[7]

Wenige Monate später unternimmt Henri Weise eine Reise nach Wittenberge. Da er sich dort am grenznahen Elbdeich aufhält, wird er am Abend des 15. August 1976 wegen „Verdacht des versuchten ungesetzlichen Grenzübertritts“ festgenommen.[8] Noch während der Haftzeit schreibt er an den DDR-Staatsrat, verlangt die Aberkennung seiner DDR-Staatsbürgerschaft und legt gegen seine Inhaftierung Beschwerde ein.

Gleichzeitig informiert er die Ständige Vertretung über seine Haft und seine Ausreiseabsichten und bittet zudem um politisches Asyl in der Bundesrepublik.[9]

Bei der Vernehmung in der Untersuchungshaftanstalt Perleberg bestreitet Henri Weise jegliche Fluchtabsichten, so dass er tatsächlich am 19. Oktober 1976 aus der Untersuchungshaftanstalt Rudolstadt, in die er mittlerweile verlegt wurde, entlassen wird.[10] Gleichzeitig wird ihm die Ablehnung seines Ausreiseantrages übermittelt. Henri Weise stellt nochmals einen Ausreiseantrag, der im November 1976 endgültig abgelehnt wird.[11]

Der 22-Jährige sucht nun auch nach anderen Möglichkeiten die DDR zu verlassen. Ende Oktober 1976 fragt er bei einer Tanzveranstaltung in seinem Heimatort einen polnischen Staatsbürger, ob dieser ihm in Polen einen Pass besorgen könne. Statt eines Passes erhält Henri Weise eine Anzeige wegen des „Verdachts der Vorbereitung zum ungesetzlichen Grenzübertritt“[12], da der polnische Staatsbürger sogleich der Raniser Volkspolizei von dem Vorfall berichtet. Bei der darauffolgenden Vernehmung findet die Volkspolizei bei Henri Weise einen abgelaufenen und auf einen anderen Namen ausgestellten Passierschein zum vorübergehenden Aufenthalt im Grenzgebiet, den er von einer zufälligen Bekanntschaft, einem Kraftfahrer, erhalten hatte.[13] Auch diesmal bestreitet er erfolgreich, Fluchtabsichten zu haben. Es wird kein Haftbefehl gegen ihn beantragt.[14]

Mitte Januar 1977 wird Henri Weise erneut in der Abteilung Inneres des Kreises Pößneck vorstellig. Er beschwert sich, dass er aufgrund einer Anweisung des Rates des Kreises seine bisherige Arbeit als Heizungsmonteur nicht mehr verrichten dürfe und stattdessen Hilfsarbeiten ausführen müsse. Die Repressalien, denen er ausgesetzt sei, würden im Widerspruch zur UN-Charta der Menschenrechte und zur Verfassung der DDR stehen. Er droht, sein Anliegen und die Art und Weise, wie er durch den Staat behandelt wird, in der westdeutschen Presse veröffentlichen zu lassen, wenn sein Antrag auf Ausreise nicht genehmigt würde.[15] Bei einer anschließenden Befragung durch die Kriminalpolizei in Pößneck betont er seine Absicht, am folgenden Tag nach Berlin zu reisen, um dort bei der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik eine Kopie der Beschwerde zu seinem abgelehnten Ausreiseantrag abzugeben. In diesem Zusammenhang erwähnt er, bereits Ende 1976 dort gewesen zu sein und ein mehrstündiges Gespräch geführt zu haben.[16]

Spätestens seit Januar 1977 steht Henri Weise im Rahmen einer „Operativen Personenkontrolle“ unter verschärfter Beobachtung des MfS. Die auf ihn angesetzten Stasi-Spitzel finden schnell heraus, dass er fortwährend gegen die Politik und die Regierung der DDR Stellung bezieht. Aufgrund seines Auftretens und seiner Aktivitäten steht er nach Ansicht des MfS unter Verdacht, die DDR „ungesetzlich“ verlassen zu wollen. Ziel der operativen Beobachtung ist es, ihm eine Verletzung des § 213 StGB („ungesetzlicher Grenzübertritt“) nachzuweisen.[17] Auch sein Besuch in der Ständigen Vertretung in Ost-Berlin am 21. Januar 1977 wird registriert und ausgewertet.[18] Einem Arbeitskollegen, der zugleich als Stasi-IM tätig ist, erzählt Henri Weise, dass er dort nicht vorgelassen wurde und unverrichteter Dinge wieder gehen musste.[19]

Im März 1977 spricht Henri Weise ein letztes Mal bei der Abteilung Inneres in Pößneck vor. Er wird darauf hingewiesen, dass sein Antrag endgültig abgelehnt sei. Henri Weise besteht auf einer schriftlichen Ablehnung. Er macht deutlich, dass dieses Vorgehen vor der Belgrader KSZE-Folgekonferenz im Oktober 1977 verantwortet werden müsse.[20] Doch auch diesmal bleibt sein Besuch beim Rat des Kreises erfolglos.

Am 17. Mai 1977 fährt Henri Weise nach Berlin, um seinen Vater zu besuchen. Nach einigen Stunden verlässt er die Wohnung mit dem Hinweis, dass er in einer halben Stunde zurück sei. Wohin er dann geht und was er tut, liegt im Dunklen. Vermutlich versucht Henri Weise durch die Spree nach West-Berlin zu gelangen und kommt dabei um.[21]

Sein Verschwinden bleibt nicht unbemerkt. Noch vor dem grausigen Fund in der Wassersperre des Grenzübergangs wird Henri Weises Mutter Anfang Juni von der Volkspolizei in Pößneck nach seinem Verbleib befragt. Sie gibt an, dass sie sich große Sorgen mache, es aber keine Hinweise gäbe, die einen Fluchtverdacht begründeten. Ihre Befürchtungen werden zur Gewissheit, als ihr der Totenschein ihres Sohnes zugeschickt wird. Ihr Wunsch, den toten Sohn noch einmal sehen zu dürfen, wird nicht erfüllt.

Am 1. September 1977 wird der Leichnam von Henri Weise in Berlin eingeäschert. Die Urne wird wenig später nach Ranis überführt, wo seitdem ein Urnengrab für ihn existiert.[22]

Zu Beginn der 1990er Jahre versucht die Zentrale Ermittlungsgruppe für Regierungs- und Vereinigungskriminalität die Umstände, die zum Tod von Henri Weise führten, zu klären. Am 27. September 1995 wird das Ermittlungsverfahren eingestellt, da es nicht möglich gewesen sei, „eine eindeutige Aussage zur Todesursache und zu den Tatumständen machen zu können.“[23]

[Text: Lydia Dollmann]

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[1] Vgl. Meldung der DDR-Grenztruppen über Vorkommnisse an der Grenzübergangsstelle Marschallbrücke/Berlin-Mitte, 27.7.1977, in: BArch, GT 7013, Bl. 21-22.
[2] Vgl. Schreiben der Staatsanwaltschaft II bei dem Landgericht Berlin, 23.1.1996, in: StA Berlin, AZ 27 AR 15/95, Bl. 64-65.
[3] Vgl. Handschriftlicher Lebenslauf von Henri Weise, 14.2.1974, in: BStU, Ast. Gera, AOPK 1131/77, Bl. 125; Meldung des VPKA Pößneck/Abt. K/Sg. V über Dauerfahndung/Vermißt/Löschung nach Henri Weise, 24.8.1977, in: Ebd., Bl. 186.
[4] Vgl. Personalbogen von Henri Weise, 14.2.1974, in: Ebd., Bl. 122; Personalbogen von Henri Weise, 30.12.1975, in: Ebd., Bl. 140.
[5] Vgl. Sofortmeldung des VPKA Perleberg über den Verdacht des versuchten ungesetzlichen Grenzübertritts, 16.8.1976, in: Ebd., Bl. 31; Information [des MfS]/KD Pößneck zur Person Henri Weise, 27.9.1976, in: Ebd., Bl. 44.
[6] Vgl. Protokoll des Gespräches mit der Mutter von Henri Weise im VPKA Pößneck/KP, 6.6.1977, in: Ebd., Bl. 184.
[7] Abschrift des Antrags von Henri Weise auf Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland, 7.5.1976, in: Ebd., Bl. 20.
[8] Sofortmeldung des VPKA Perleberg über den Verdacht des versuchten ungesetzlichen Grenzübertritts, 16.8.1976, in: Ebd., Bl. 31.
[9] Vgl. Schreiben von Henri Weise an den Staatsrat der DDR, 22.9.1976, in: Ebd., Bl. 34-35; Schreiben von Henri Weise an die Ständige Vertretung der Bundesrepublik Deutschland, 23.9.1976, in: Ebd., Bl. 36-37.
[10] Vgl. Schlußbericht der BDVP Gera/Abt. K/Dezernat II/Komm. II/Rudolstadt/VPKA Pößneck über Henri Weise, 27.9.1976, in: Ebd., Bl. 47-48.
[11] Vgl. Kurzinformation des Rates des Kreises Pößneck/Abt. Innere Angelegenheiten über den Antrag auf ÜS von Henri Weise, 19.10.1976, in: Ebd., Bl. 52.
[12] Anzeige gegen Henri Weise beim VPKA Pößneck/Abt. K, 30.10.1976, in: Ebd., Bl. 55.
[13] Vgl. Protokoll der Zeugen-Vernehmung des Kraftfahrers durch das VPKA Pößneck, 30.10.1976, in: Ebd., Bl. 66.
[14] Vgl. Ergänzungsmeldung des VPKA Pößneck, 31.10.1976, in: Ebd., Bl. 74.
[15] Vgl. Information des Rates des Kreises Pößneck/Abt. Innere Angelegenheiten, 19.1.1977, in: Ebd., Bl. 106.
[16] Vgl. Protokoll der Vernehmung von Henri Weise durch das VPKA Pößneck/KP, 20.1.77, in: Ebd., Bl. 107-108.
[17] Vgl. Übersichtsbogen [des MfS] zur operativen Personenkontrolle von Henri Weise, 11.1.1977, in: Ebd., Bl. 3.
[18] Vgl. Schreiben der BVfS Gera/Abt. II an die KD Pößneck, 2.2.1977, in: Ebd., Bl. 111.
[19] Vgl. Abschrift des Berichts des Führungs-IM „Ullrich“ über Henri Weise, 11.2.1977, in: Ebd., Bl. 121.
[20] Vgl. Ausspracheprotokoll des Rates des Kreises Pößneck/Abt. Innere Angelegenheiten mit Henri Weise, 22.3.1977, in: Ebd., Bl. 179.
[21] Vgl. Niederschrift der Zeugenbefragung der Mutter von Henri Weise durch die KPI Jena im Auftrag der ZERV, 15.6.1995, in: StA Berlin, AZ 27 AR 15/95, Bl. 46.
[22] Vgl. ebd., Bl. 46.
[23] Schlußbericht der ZERV vom 27.9.1995, in: Ebd., Bl. 47-48.