INGOLF DIEDERICHS

Ingolf Diederichs, geboren am 13. April 1964 in Wismar, lässt sich nach Abschluss der Schule zunächst zum Instandhaltungsmechaniker ausbilden; später geht er an die Technische Universität Dresden, um Berufsschulpädagogik zu studieren.[1]

Am frühen Abend des 13. Januar 1989 besteigt Ingolf Diederichs mit einer aus Kinderbettstäben selbst gebauten Holzklappleiter die S-Bahn von Pankow in Richtung Schönhauser Allee. Es handelt sich um jene damals einzigartige S-Bahn-Strecke, auf welcher man als DDR-Bürger dem Westen sehr nahe kam. In Nähe der Bornholmer Straße trennten nur gut zwanzig Meter die Bahnreisenden von West-Berlin, der Westen schien „zum Greifen nahe“, weshalb die Mauer hier mit 5,40 Meter am höchsten war und von den Zugführern eine besonders „zügige“ Durchfahrt erwartet wurde.

In unmittelbarer Nähe des Grenzübergangs Bornholmer Straße springt Ingolf Diederichs gegen 18.30 Uhr aus dem fahrenden Zug.[2] Er stürzt, bleibt an der S-Bahn hängen und wird mitgeschleift. Dabei zieht er sich schwerste Kopfverletzungen zu, an denen er unmittelbar stirbt. Ein S-Bahnführer bemerkt den verstümmelten Leichnam zwischen den Fern- und S-Bahngleisen auf Höhe der Bösebrücke. Staatssicherheit und Grenztruppen sperren bis nach Mitternacht die Strecke zwischen Pankow und Schönhauser Allee, um die Leiche zu bergen und die Spuren zu sichern.[3]

Was den 24-Jährigen zu seinem waghalsigen Vorhaben bewegt, ist nicht überliefert. Die Staatssicherheit „legendiert“ den Fluchtversuch als reinen Unfall. Den Angehörigen von Ingolf Diederichs soll lediglich mitgeteilt werden, er sei durch den Sturz aus einem fahrenden S-Bahnzug zu Tode gekommen.[4]

Um abzuklären, ob ein Fremdverschulden beim Tod des Flüchtlings vorliegt, leitet die Berliner Staatsanwaltschaft Ende August 1994 ein Vorermittlungsverfahren ein, das mangels stichhaltiger Anhaltspunkte für eine Fremdeinwirkung einen Monat später wieder eingestellt wird.[5]

[Text: Martin Ahrends/Udo Baron]

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[1] Vgl. Information der BVfS Berlin/Abt. IX, 14.1.1989, in: BStU, MfS, Sekr. Neiber Nr. 576, Bl. 130-132.
[2] Vgl. Lagebericht des Diensthabenden des MfS/HA I/Grenzkommando Mitte/Abt. Abwehr-Aufklärung, 13.1.1989, in: BStU, MfS, HA I Nr. 6061, Bl. 20.
[3] Vgl. Rapport Nr. 13/89 des MfS/Zentraler Operativstab vom 13./14.1.1989, in: BStU, MfS, HA VII Nr. 5162, Bl. 69.
[4] Information der BVfS Berlin/Abt. IX, 14.1.1989, in: BStU, MfS, Sekr. Neiber Nr. 576, Bl. 131.
[5] Vgl. Verfügung der Staatsanwaltschaft II bei dem Landgericht Berlin, 5.10.1994, in: StA Berlin, Az. 27 AR 759/94, Bl. 11-12.