Wir fühlten uns nicht mehr frei
Angelika Schröter gehörte in der DDR der Hippie-Bewegung, der sogenannten Tramper-Szene an. In ihrer Freizeit kleidete sie sich entsprechend mit grünem Shell-Parka, Jeans, den sogenannten Jesuslatschen und fuhr per Anhalter zu Blues-Konzerten. Das unangepasste Verhalten und Aussehen der Tramper entsprach nicht den Vorstellungen, die das DDR-Regime von einer sozialistischen Gesellschaft hatte. Die Staatssicherheit bezeichnete sie als „negativ-dekadent“. Den von den Trampern erwünschten Freiräumen wurden ständige Kontrollen und Schikane durch die Staatsmacht entgegengesetzt. Das ließ viele den Entschluss fassen, einen Ausreiseantrag zu stellen.
Angelika Schröter wurde am 16.7.1957 in Weimar geboren. Ihre Mutter stammte aus Oldenburg in der Bundesrepublik. Dort lebte Angelika Schröter bis zu ihrem sechsten Lebensjahr, bis sie zusammen mit ihrer Mutter und den Geschwistern zum Vater in die DDR nach Weimar übersiedelten. Angelika Schröter wuchs „normal“ auf, wie sie meinte. Sie war bei den Jungen Pionieren und anschließend in der Freien Deutschen Jugend (FDJ) organisiert. Ein Umdenken setzte ein, als sie 15 Jahre alt war. Ihr damaliger Freund wagte einen Fluchtversuch, wurde inhaftiert und nahm sich nach der Haft das Leben. Diese Erfahrung ließ sie nicht los.


Von nun an stand Angelika Schröter unter ständiger Beobachtung durch die Staatssicherheit. Sie verlor ihren Arbeitsplatz. Es folgten wiederholte Vorladungen zum Rat der Stadt Weimar, Abteilung Innere Angelegenheiten, wo die Schröters zur Rücknahme des Ausreiseantrags gedrängt werden sollten. 1 ½ Jahre später bekamen sie am Abend des 29.3.1984 den Bescheid, dass sie sich am nächsten Morgen um 8.00 Uhr bei der Abteilung Innere Angelegenheiten einzufinden hätten. Dort wurde ihnen erklärt, dass sie um 10.00 Uhr mit dem Zug nach Ost-Berlin fahren sollten, um dort über den Grenzübergang S-Bahnhof Friedrichstraße nach West-Berlin auszureisen. Zuvor mussten die Schröters aber noch einen Laufzettel abarbeiten, auf dem beispielsweise ihre Schuldenfreiheit bei der Bank und Abmeldungen bei der Stadt Weimar und den Arbeitsstellen bestätigt werden musste. Abgehetzt saßen sie schließlich mit ihren Kindern im Zug nach Ost-Berlin. Nach der erfolgten Ausreise empfing sie am U-Bahnhof Friedrichstraße ein ehemaliger Bandkollege und Freund von Wolfram Schröter, der nur wenige Monate zuvor in die Bundesrepublik ausgereist war.
Abbildungsnachweis:
Angelika und Wolfram Schröter als junges Paar, 1978, Foto: privat
Aufräumaktion der Gruppe der Weimarer Jakobskirche, der auch Angelika und Wolfram Schröter angehörten, Oktober 1983, Foto: privat


