ANGELIKA SCHRÖTER

Wir fühlten uns nicht mehr frei

Angelika Schröter gehörte in der DDR der Hippie-Bewegung, der sogenannten Tramper-Szene an. In ihrer Freizeit kleidete sie sich entsprechend mit grünem Shell-Parka, Jeans, den sogenannten Jesuslatschen und fuhr per Anhalter zu Blues-Konzerten. Das unangepasste Verhalten und Aussehen der Tramper entsprach nicht den Vorstellungen, die das DDR-Regime von einer sozialistischen Gesellschaft hatte. Die Staatssicherheit bezeichnete sie als „negativ-dekadent“. Den von den Trampern erwünschten Freiräumen wurden ständige Kontrollen und Schikane durch die Staatsmacht entgegengesetzt. Das ließ viele den Entschluss fassen, einen Ausreiseantrag zu stellen.

Angelika Schröter wurde am 16.7.1957 in Weimar geboren. Ihre Mutter stammte aus Oldenburg in der Bundesrepublik. Dort lebte Angelika Schröter bis zu ihrem sechsten Lebensjahr, bis sie zusammen mit ihrer Mutter und den Geschwistern zum Vater in die DDR nach Weimar übersiedelten. Angelika Schröter wuchs „normal“ auf, wie sie meinte. Sie war bei den Jungen Pionieren und anschließend in der Freien Deutschen Jugend (FDJ) organisiert. Ein Umdenken setzte ein, als sie 15 Jahre alt war. Ihr damaliger Freund wagte einen Fluchtversuch, wurde inhaftiert und nahm sich nach der Haft das Leben. Diese Erfahrung ließ sie nicht los.

Angelika und Wolfram Schröter 1978Angelika Schröter begann eine Lehre als Wirtschaftskauffrau und trat offiziell aus der FDJ aus, weil sie sich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr als freie deutsche Jugend gefühlt habe. Als der Liedermacher Wolf Biermann aus der DDR ausgebürgert wurde, hatte sie gerade ein Studium der Ökonomie in Burg bei Magdeburg begonnen. Dort versuchte Angelika Schröter Unterschriften gegen die Ausbürgerung zu sammeln. Ohne großen Erfolg bei der Protestaktion, aber dafür mit der drohenden Empfehlung des Rektors, das Studium abzubrechen, kehrte sie wieder in ihren Beruf als Wirtschaftskauffrau zurück und ließ sich zur Bilanzbuchhalterin fortbilden. 1979 heiratete sie Wolfram Schröter, Musiker und Gründungsmitglied der Weimarer Blues-Band Knuff. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor.


Aktion Offener Kreis, Oktober 1983Als Mitglied der Tramper-Szene eckte Angelika Schröter in der DDR immer wieder an. Zudem verhielt sie sich zunehmend oppositionell zum DDR-Staat. Einmal in der Woche fand in der Wohnung der Schröters eine Diskussionsrunde statt. Zusammen mit ihrem Mann engagierte sich Angelika Schröter in einem kirchlichen Gesprächskreis in der Weimarer Jakobskirche. Dort führten sie Beratungen durch über die Möglichkeit, den Wehrdienst als Bausoldat zu leisten und somit den Dienst an der Waffe zu verweigern. Die Schröters beteiligten sich an Aktionen in Weimar, wie z.B. der Verschönerung eines Brunnenplatzes und das Verteilen von selbst gemachten Engeln in der Weihnachtszeit. Doch auch diese Aktionen, die außerhalb der staatlich kontrollierten Organisationen durchgeführt wurden, suchte die DDR-Staatsmacht zu unterbinden. Um diesen Reglementierungen zu entgehen, entschlossen sich die Schröters im Herbst 1982, einen Ausreiseantrag zu stellen. Dem Schreiben legten sie eine Erklärung bei, dass falls ihnen etwas zustoße, ihre Kinder zu ihren Eltern kommen sollten. Damit wollten die Schröters verhindern, dass bei einer möglichen Verhaftung die Kinder zwangsadoptiert oder ins Heim eingewiesen würden.

Von nun an stand Angelika Schröter unter ständiger Beobachtung durch die Staatssicherheit. Sie verlor ihren Arbeitsplatz. Es folgten wiederholte Vorladungen zum Rat der Stadt Weimar, Abteilung Innere Angelegenheiten, wo die Schröters zur Rücknahme des Ausreiseantrags gedrängt werden sollten. 1 ½ Jahre später bekamen sie am Abend des 29.3.1984 den Bescheid, dass sie sich am nächsten Morgen um 8.00 Uhr bei der Abteilung Innere Angelegenheiten einzufinden hätten. Dort wurde ihnen erklärt, dass sie um 10.00 Uhr mit dem Zug nach Ost-Berlin fahren sollten, um dort über den Grenzübergang S-Bahnhof Friedrichstraße nach West-Berlin auszureisen. Zuvor mussten die Schröters aber noch einen Laufzettel abarbeiten, auf dem beispielsweise ihre Schuldenfreiheit bei der Bank und Abmeldungen bei der Stadt Weimar und den Arbeitsstellen bestätigt werden musste. Abgehetzt saßen sie schließlich mit ihren Kindern im Zug nach Ost-Berlin. Nach der erfolgten Ausreise empfing sie am U-Bahnhof Friedrichstraße ein ehemaliger Bandkollege und Freund von Wolfram Schröter, der nur wenige Monate zuvor in die Bundesrepublik ausgereist war.

Lydia Dollmann

Abbildungsnachweis:
Angelika und Wolfram Schröter als junges Paar, 1978, Foto: privat
Aufräumaktion der Gruppe der Weimarer Jakobskirche, der auch Angelika und Wolfram Schröter angehörten, Oktober 1983, Foto: privat

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Angelika Schröter

Angelika Schröter, 2010, Foto: L. Dollmann, Gedenkstätte Berliner Mauer

O-TON

Angelika Schröter über ihre Arbeit im Gesprächskreis der Weimarer Jakobskirche

Bericht über die Ausreiseantragstellung

Überwachung durch die Stasi

Aus einem Zeitzeugeninterview, 15. September 2010, Gedenkstätte Berliner Mauer