PASSIERSCHEINABKOMMEN

Nach dem Mauerbau am 13. August 1961 gab es für die Berliner keinerlei Möglichkeit, Verwandte, Freunde oder Kollegen im anderen Teil der Stadt zu besuchen. Persönliche Kontakte wurden soweit wie möglich unterbunden. Sowohl die Bundesregierung als auch der Berliner Senat lehnten als Reaktion in den ersten zwei Jahren nach dem Mauerbau alle offiziellen Kontakte zwischen Ost und West ab. Als damaliger Regierender Bürgermeister suchte Willy Brandt aber gleichzeitig nach pragmatischen Lösungen, die Situation für die durch die Teilung der Stadt zerrissenen Familien zu verbessern.

Das Passierscheinabkommen vom Dezember 1963 ermöglichte den West-Berlinern zum ersten Mal den Grenzübertritt für einen Verwandtenbesuch im Osten. 28 Monate nach dem Mauerbau konnte damit erstmals die Mauer „solange nicht beseitigt, wenigstens durchlässig“ gemacht werden, wie es der Brandt-Vertraute Egon Bahr als Pressesprecher formulierte. Mit der Aufnahme von direkten Verhandlungen reagierte Brandt auf ein Angebot der Ulbricht-Regierung, und nach intensiven Beratungen kam es noch rechtzeitig vor der Weihnachtszeit zum Abkommen zwischen dem West-Berliner Senat und der DDR. Die Ankündigung der Vereinbarung kam einer Sensation gleich und hatte für die Berliner Bevölkerung eine immense Bedeutung.

Während Willy Brandt und der Senat nun zumindest für begrenzte Zeit den West-Berlinern persönliche Besuche im Osten ermöglichen konnten, meinte die DDR-Regierung in dem Abkommen einen Schritt auf dem Weg zur offiziellen Anerkennung als eigener Staat zu erkennen. Gleichzeitig wollte sie damit den Sonderstatus von Berlin – das juristisch nicht Teil der Bundesrepublik Deutschland war – unterstreichen.


Die Regelung galt vom 19. Dezember 1963 bis zum 5. Januar 1964, jeder Besuch musste vorab beantragt werden. In jedem der zwölf West-Berliner Bezirke war eine Turnhalle in eine provisorisch eingerichtete Passierscheinstelle umgewandelt worden. Die Bearbeitung und Ausgabe der Passierscheine erfolgte offiziell durch DDR-Postbeamte in West-Berlin. Tatsächlich waren es Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit, die auf diese Weise den Besucherstrom und die Familienkontakte komplett kontrollierten.

Die Resonanz auf das erste Passierscheinabkommen übertraf alle Erwartungen und zeigte eindrücklich, wie stark die Bindungen zwischen Ost und West trotz der Teilung waren: Die DDR-Regierung hatte mit insgesamt 30.000 Besuchern aus West-Berlin gerechnet, so viele stellten sich jedoch allein am ersten Tag in die langen Schlangen vor den Ausgabestellen. Die Passierscheinstellen waren nur von 13 bis 18 Uhr geöffnet, so kam es teilweise zu Wartezeiten von bis zu zwölf Stunden, da sich die ersten Berliner bereits kurz nach Mitternacht anstellten.

Insgesamt beantragten über 700.000 Menschen einen Passierschein für Ost-Berlin, die Anzahl der Besuche belief sich auf weit über eine Million. An den Grenzübergangsstellen spielten sich bewegende Szenen des Wiedersehens ab. Der eindrucksvolle Erfolg des Abkommens führte in den kommenden Jahren bis 1966 zu drei weiteren dieser begrenzten Besuchsmöglichkeiten. Aus heutiger Sicht stellt das Passierscheinabkommen den ersten sichtbaren und für die Menschen unmittelbar spürbaren Erfolg einer neuen Politik dar, die unter dem Motto „Wandel durch Annäherung“ bekannt wurde.

Das Passierscheinabkommen in der Presse

Das Passierscheinabkommen zur Weihnachtszeit war das beherrschende Thema im Winter 1963/64. Hier eine Auswahl von Presseberichten zu den Verhandlungen und zur Durchführung des Passierscheinabkommens mit Meldungen zwischen dem 15. Dezember 1963 und dem 06. Januar 1964.