BODO KÖHLER

Fluchthilfe war ganz normale menschliche Hilfe

Im Frühjahr 1951 erregte während der Leipziger Messe eine Widerstandsaktion besondere Aufmerksamkeit. Vor dem Alten Postamt am Augustusplatz segelten am 8. März Flugblätter durch die Stadt, die Walter Ulbricht als Diktator brandmarkten und sich gegen die gewissenlose stalinistische Diktatur der DDR-Einheitspartei SED wandten. Zwei Tage später scheiterte eine gleiche Aktion an der Thomaskirche. Die hinter den Aktivitäten stehende Leipziger Widerstandsgruppe, zu der Bodo Köhler gehörte, geriet ins Fadenkreuz der Ermittler, erste Verhaftungen folgten.

Bodo-Eberhard Köhler wurde am 29. Oktober 1928 im sächsischen Knobelsdorf als Sohn eines Diplomlandwirtes geboren. 1945 wurde der 16-jährige Schüler der Meissner Fürstenschule zum Arbeitsdienst und zur Wehrmacht eingezogen, bei Kriegsende geriet er in amerikanische Gefangenschaft. 1948 legte er in Leipzig das Abitur ab und begann an der Leipziger Universität mit dem Studium der Theologie. Zudem schloss er sich der Gruppierung junger Leute an, die durch vielfältige Möglichkeiten versuchte, der sich etablierenden Staatsdoktrin in der DDR etwas entgegenzusetzen. Dazu gehörte die Verteilung kritischer Schriften, die Unterstützung in Not geratener Regimekritiker und besagte Flugblattaktion. Nachdem die Staatssicherheit auf Bodo Köhler aufmerksam wurde, war er gezwungen nach West-Berlin zu flüchten. Dort setzte er sein Studium an der Freien Universität fort. 1957 übernahm Bodo Köhler die Leitung der Bildungsstätte "Haus der Zukunft" Am Sandwerder in Berlin-Wannsee. Später wurde ihm auch die Leitung eines zweiten Hauses in der Goethestraße in Berlin-Zehlendorf übertragen.

Kurz nach dem Mauerbau begann Bodo Köhler DDR-Bürger mit fremden Ausweisen in den Westen zu holen. Doch als die West-Berliner ab dem 24. August den Ostteil der Stadt nicht mehr betreten durften, wurde die Organisation von Fluchten schwieriger. Köhler musste nun freiwillige Bundesbürger für Kurierdienste finden und gegebenenfalls die Pässe manipulieren. Für das Auswechseln der Fotos und das Fälschen der Stempel brauchte er professionelle Hilfe. Die verschaffte ihm der Verfassungsschutz, der die Fluchthilfeszene beobachtete und ihn mit Dieter Thieme bekannt machte. Da Köhler ähnlich wie Detlef Girrmann und Dieter Thieme arbeitete, kam er schnell mit ihnen überein, die Fluchthilfeaktivitäten gemeinsam fortzusetzen. Wenig später wurde die Koordinierung ihrer Aktivitäten vom Studentenwerk in der Ihnestraße in das "Haus der Zukunft" in der Goethestraße verlegt. Monate intensivster Arbeit zur Organisation der Fluchthilfe folgten. Bodo Köhler war in dem Dreiergespann der Intellektuelle und Denker. Er drängte auf die Absicherung der Flüchtlinge und genaue Kenntnisse der Fluchtwege.


Zu seinen Ideen gehörte die Entwicklung des Formulars für die Beantragung der Fluchthilfe für konkrete Personen. Und er entschlüsselte mit Hilfe eines "Läufers" aus der Schweiz den Trick der Grenzkontrolleure, Pässe anhand von Bleistiftstrichen bei der Einreise unbemerkt kenntlich zu machen. Da die Flüchtlinge mit den illegal über die Grenze geschmuggelten Pässen nur ausreisten und diese Bleistiftstriche fehlten, führte das um Weihnachten 1961 zu Verhaftungen. Doch als Köhler und seine Helfer den Trick verstanden hatten, zückten sie selbst den Bleistift. In einer gezielten Aktion holten sie zahlreiche Flüchtlinge über die Grenze, bis am 7. Januar 1962 Registrierungen der in die DDR Einreisenden eingeführt wurden und der Weg mit gefälschten Pässen damit endgültig versperrt war.


Als SPD-Mitglied hielt Bodo Köhler für die Gruppe den Kontakt zum Senat, sein Ansprechpartner war der damalige Pressesprecher Egon Bahr. Damit war die Stadtregierung bestens informiert, trug aber auch Fluchthilfewünsche für noch im Osten lebende Sozialdemokraten an ihn heran. Der "Menschenhandel", wie Bodo Köhler selbstironisch die Aktivitäten nannte, dominierte in dieser Zeit sein gesamtes Leben.

1963 wurde Bodo Köhler von seinem Arbeitgeber entlassen und musste monatelange Arbeitslosigkeit ertragen. Erst 1965 holte ihn Egon Bahr in die Berliner Senatskanzlei. Dort arbeitete er bis 1980 als Redenschreiber für verschiedene Regierende Bürgermeister. Als überzeugter Sozialdemokrat war er in enger Zusammenarbeit mit Egon Bahr auch an der Erarbeitung der neuen Ostpolitik der sozialliberalen Regierung unter Willy Brandt beteiligt. 1980 wechselte er als Abteilungsleiter in das Berliner Informationszentrum, das zum Geschäftsbereich des Regierenden Bürgermeisters gehörte. Im Rahmen dieser Tätigkeit war er für die öffentliche Erinnerungsarbeit zuständig und begleitete den Aufbau der Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Erfüllung brachte ihm die Betreuung der jüdischen Emigranten, die den Massenmord überlebt hatten und vom Berliner Senat noch einmal in ihre alte Heimatstadt eingeladen wurden. Bodo Köhler starb zu Weihnachten 2005 im Alter von 77 Jahren.

Maria Nooke / Lydia Dollmann

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Bodo Köhler

Bodo-Eberhard Köhler, West-Berlin, um 1951, Fotograf: Dore Bartcky, Freie Universität Berlin, Universitätsarchiv, Immatrikulationsbüro

O-TON

Bodo Köhler berichtet über die Anfänge seiner Fluchthilfe

Über die Entwicklung der Fluchthilfe nach dem 13. August 1961

Aus einem Zeitzeugeninterview vom 11. Februar 2004, Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde