CHRISTINE BARTELS

Im letzten Wohnhaus vor der Mauer

Christine Bartels bekam Gänsehaut, als sie das erste Mal ihre neue Wohnung in der Brunnenstraße 47 besichtigte. Es war in der Weihnachtszeit 1977, sie und ihr Mann standen mit zwei Kerzen am Fenster und schauten auf die kahlen Bäume und den hell erleuchteten Grenzstreifen. Beide wussten vorher, dass die Brunnenstraße an der Mauer lag, aber sie hatten nicht erwartet, dass das Haus das letzte vor den Sperren war und direkt an den Todesstreifen grenzte. Sie trauten sich kaum, das Gebäude zu betreten. Christine Bartels und ihr Mann waren alleine in der Wohnung und es gab keinen Strom, aber damit hatten sie gerechnet. Sie erinnert sich, dass es absolut ruhig war, weil sich niemand dorthin verirrte.

Trotz der Lage entschieden sich die beiden jungen Leute dafür, die 2-Zimmer-Wohnung zu beziehen. Christine Bartels war zu diesem Zeitpunkt mit ihrem Sohn schwanger. Sie hatte ihr Lehramtsstudium für Mathe und Physik noch nicht abgeschlossen und lebte bei ihrer Mutter. Ihr Mann wohnte zur Untermiete. Eine Kollegin ihrer Mutter konnte über Beziehungen die Wohnung an die beiden vermitteln. Christine Bartels war 1955 geboren worden und in Lichtenberg aufgewachsen. Vor ihrem Umzug in die Brunnenstraße war sie noch nie mit der Grenze in Berührung gekommen. Es war ihr noch lange unangenehm, Freunden und Gästen zu erklären, wo sie wohnte.

Ihr Sohn Martin und ihre 1980 geborene Tochter Luise spielten manchmal an den Absperrungen und handelten sich dadurch häufig Ärger mit den Polizisten ein, die das grenznahe Wohngebiet regelmäßig kontrollierten. Ihre Kinder winkten oft aus dem Fenster, wenn Christine Bartels West-Berliner Tante auf dem Podest auf der Westseite der Brunnenstraße stand. Ihre Tochter rief einmal: „Tante Sanne, wirfst Du Schokolade rüber?“ Das Winken und Rufen war eigentlich verboten. Als Christine Bartels einmal mit einem Feldstecher am Fenster stand, wurde sie gleich von den Grenzern ermahnt. Christine Bartels konnte die Modernisierung der Grenzanlagen beobachten. Sie sah, wie die spanischen Reiter und die Stolperdrähte entfernt wurden und stattdessen ein Signalzaun aufgestellt wurde. Oft lösten die Kaninchen Alarmschüsse und grüne Lichter aus.

Das Fotografieren war strengstens verboten, die Bartels haben deswegen vorher immer die Gardine zugezogen. Ein Freund entwickelte die Bilder und sie vernichteten die Negative. Als sie eines Tages aus dem Kinderzimmerfenster sahen, bemerkten sie und ihr Mann plötzlich eine Leiter, die an die Mauer angelehnt war. Sie nahmen an, dass gerade jemandem die Flucht gelungen war. In diesem Moment ging der Alarm los, dann ein Signalhorn. Mit Scheinwerfern wurde der Todesstreifen hell ausgeleuchtet. Sie schalteten das Licht in der Wohnung aus und bedeuteten ihren Kindern, mucksmäuschenstill zu sein. So konnten sie beobachten, wie auf der West-Berliner Seite ein Mann weggetragen wurde und erfuhren später aus den West-Nachrichten, dass er sich bei der Flucht beide Beine gebrochen hatte. Zwei LKWs mit Soldaten hielten vor ihrem Haus, die an jeder Wohnungstür klingelten. Christine Bartels und ihr Mann hatten geahnt, dass das passieren würde und öffneten ihnen nicht.

Anfang der 80er Jahre wurden in ihrem Haus die Bodentüren verschlossen, die Fenster im Treppenhaus mit Milchglas versehen und die Fensterflügel zugeschraubt. Die Grenzer gingen manchmal im Hausflur auf und ab oder beaufsichtigten den Schornsteinfeger bei seiner Arbeit, aber sie klingelten nie.

Im Januar 1987 bekam Christine Bartels zum ersten Mal die Genehmigung, nach West-Berlin zu reisen. Sie besuchte ihre Tante, die ihren 70. Geburtstag feierte und die sie jahrelang immer nur aus der Ferne gesehen hatte. Sie fuhr sofort in die Bernauer Straße und schaute von dem Podest auf der Westseite der Brunnenstraße über den Grenzstreifen hinweg auf die andere Seite. Sie erblickte ihre Fenster mit den Blumen und der Tanne. Der Anblick deprimierte sie. Zum ersten Mal sah sie, wie sie eingemauert waren und wie trostlos es von hier aussah.

Im selben Jahr mussten sie wegen einer Sanierung des Hauses ihre Wohnung verlassen. Die Familie weigerte sich in ein Neubaugebiet zu ziehen und fand eine Altbau-Wohnung in der Brunnenstraße 45. Von einem Fenster aus konnten sie die Kirchturmsspitze der Versöhnungskirche sehen. Sie wussten nicht von der Sprengung der Kirche, sahen aber zufällig gerade aus dem Fenster, als der Kirchturm umfiel. Es war der 28. Januar 1985.

Am 10. November 1989 zog Christine Bartels gemeinsam mit ihrer Freundin und deren Geburtstagsgästen in die Eberswalder Straße, mit Sektflaschen und Hämmern, um die Mauer kaputt zu schlagen.

Anna von Arnim

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Blick von West-Berlin auf das Haus in der Brunnenstraße 47

Blick von West-Berlin auf das Haus in der Brunnenstraße 47, Mitte 1980er Jahre, Foto: Christine Bartels

O-TON

Sicherheitsvorkehrungen im Grenzhaus

Christine Bartels über ihre Reise nach West-Berlin 1987

Aus einem Zeitzeugeninterview, 8. August 2002, Gedenkstätte Berliner Mauer