DAGMAR BÖTTCHER

Ausreise einer 14-Jährigen

Begleitet von zwei Mitarbeitern der Staatssicherheit fuhr die 14-jährige Dagmar Böttcher am 12. Dezember 1985 mit dem Zug von Halle an der Saale nach Ost-Berlin. Dort sollte sie nach einer langen Zeit der Trennung ihre Mutter treffen, die mehrere Monate in der DDR im Gefängnis inhaftiert war. Nach ihrem Freikauf aus der Haft lebte sie seit wenigen Wochen als Bürgerin der Bundesrepublik in West-Berlin. Dagmar Böttcher konnte den Augenblick des Wiedersehens kaum erwarten. Gegen 13.00 Uhr war es endlich so weit. Am S-Bahnhof Alexanderplatz kam ihr die von der Haft gezeichnete Mutter entgegen. Die Freude war groß, bedeutete das Wiedersehen doch auch, dass sie nun zusammen mit ihrer Mutter nach West-Berlin ausreisen konnte.

Dagmar Böttcher wurde am 12.Oktober 1970 in Halle an der Saale geboren und wuchs nach der Scheidung der Eltern bei ihrer Mutter auf. Schon in jungen Jahren interessierte sich Dagmar Böttcher nur wenig für die staatlich organisierte Freizeitgestaltung, wie sie in der DDR z.B. durch die Schule oder in der Freien Deutschen Jugend (FDJ) vollzogen wurde. Lieber verbrachte sie die Nachmittage mit ihrer Freundin oder bei der Großmutter. Als Dagmar Böttcher 12 Jahre alt war heiratete die Mutter wieder. Zu diesem Zeitpunkt kamen erste Gedanken auf, die DDR zu verlassen. Es folgte ein Fluchtversuch im Harz an der innerdeutschen Grenze. Von Grenzposten entdeckt, konnten sich die Böttchers rausreden, sodass sie unverrichteter Dinge, aber ohne Festnahme nach Halle zurückkehrten. Den Wunsch, ein neues Leben in der Bundesrepublik zu beginnen, wollten sie jedoch nicht aufgeben. Dagmars Eltern stellten für die Familie 1984 bei der Abteilung Innere Angelegenheiten des Rates des Kreises einen sogenannten Ausreiseantrag. Mit der Antragstellung setzte ein staatlich gelenktes Räderwerk ein, das Repressalien und Zwangsmaßnahmen für die Familie zur Folge hatte. Den Eltern von Dagmar Böttcher wurde zunächst der Personalausweis abgenommen. Sie bekamen eine Art Ersatzausweis, einen sogenannten PM-12, mit dem die Reisefreiheit auch innerhalb der DDR extrem eingeschränkt war. Immer wieder mussten die Eltern zu „Aussprachen“ bei der Abteilung Innere Angelegenheiten erscheinen, wo sie durch verhörartige Gespräche von ihrem Vorhaben abgebracht werden sollten. Zudem stand die Familie unter ständiger Beobachtung von Mitarbeitern der Staatssicherheit, die sich tagtäglich vor der Haustür der Böttchers postierten. Auch innerhalb des Hauses vermuteten die Böttchers bespitzelt zu werden. Es entstand eine Atmosphäre des Misstrauens, in der genau abgewägt wurde, wem man Vertrauen schenken konnte und wem nicht. Wenig später wurde der Stiefvater von der Staatssicherheit wegen angeblich versuchter Republikflucht festgenommen. Dagmars Mutter wurde das Arbeitsverhältnis bei der Volkssolidarität gekündigt, da sie durch die Ausreiseantragsstellung als untragbar galt. Gegen jede Bewerbung auf eine neue Arbeitsstelle wurde negativ entschieden. Da es in der DDR bei Arbeitslosigkeit keine staatliche Unterstützung gab, standen die 13-Jährige und ihre Mutter nun völlig mittellos da. Sie zogen zu den Großeltern, wo sie in beengten Verhältnissen lebten und von deren Rente lebten.

Im Mai 1985 kehrte die Mutter von einem Besuchstermin bei ihrem Mann in der Haftanstalt Naumburg nicht zurück. Erst sechs Wochen später erfuhr Dagmar Böttcher, dass ihre Mutter inhaftiert worden war. In dieser schwierigen Zeit der Trennung kümmerte sich die Großmutter um sie. Unterstützung fand Dagmar Böttcher aber auch durch die Kirche. Insbesondere der Pfarrer einer evangelischen Gemeinde in Halle stand ihr bei und besuchte auch die Mutter im Gefängnis.

Brief, den die Mutter aus der Haft an Dagmar Böttcher schrieb [PDF, 90,00 KB]

Dagmar Böttcher ging mittlerweile in die achte Klasse der Polytechnischen Oberschule in Halle. Zum Ende des Schuljahres sollte die Jugendweihe stattfinden, bei der sich die Jugendlichen zum Sozialismus und zur DDR bekennen sollten. Für die 14-Jährige stand fest, dass sie ein solches Bekenntnis nicht ablegen will. Nach Gesprächen mit der Lehrerin und dem Direktor wurde ihre Entscheidung akzeptiert.

Im Herbst 1985 erfuhr Dagmar Böttcher, dass ihre Eltern als DDR-Häftlinge von der Bundesrepublik freigekauft worden waren und in West-Berlin auf die Ausreise ihrer Tochter warteten. Um zu ihren Eltern zu kommen, musste die 14-Jährige einen Ausreiseantrag stellen und sich vor den Mitarbeitern der Abteilung Innere Angelegenheiten behaupten, die versuchten sie zum Dableiben zu überreden. Doch Dagmar Böttchers Wunsch, endlich wieder mit ihren Eltern zusammenzuleben, war groß. Selbstbewusst hielt sie allen Überredungsversuchen stand.

Es folgte eine Zeit der Ungewissheit, bis Dagmar Böttcher in einem Schreiben mitgeteilt wurde, dass sie am 12. Dezember 1985 nach Ost-Berlin gebracht werden sollte. Nachdem sie an dem besagten Tag von den Mitarbeitern der Staatssicherheit am Ost-Berliner Alexanderplatz ihrer Mutter übergeben worden war, fuhren beide zur Friedrichstraße. Dort überquerten Mutter und Tochter den Grenzübergang nach West-Berlin. Diesen Moment beschreibt Dagmar Böttcher als einen der glücklichsten in ihrem Leben. Endlich war sie wieder bei ihrer Mutter und noch dazu in West-Berlin.

Lydia Dollmann

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Dagmar Böttcher

Dagmar Böttcher, Foto: Lydia Dollmann, Gedenkstätte Berliner Mauer

Dagmar Böttchers Ausweis

Von der DDR für die Ausreise ausgestellte Identitätsbeschei-
nigung für Dagmar Böttcher

O-TON

Antragstellung der Ausreise bei der Abteilung Inneres

Dagmar Böttcher über ihre Ausreise nach West-Berlin

Aus einem Zeitzeugeninterview, 31. August und 9. September 2010, Gedenkstätte Berliner Mauer