DIETER THIEME

Das war nicht die Freiheit, die wir uns gewünscht hatten

Dieter Thieme war eigentlich der geborene Beamte. Nicht nur in seiner beruflichen Tätigkeit beim Berliner Senat wurde er für seine Zuverlässigkeit und Gründlichkeit geschätzt. Schon als Student der Freien Universität in West-Berlin verdiente sich der angehende Jurist sein Geld mit Verwaltungstätigkeiten. Selbst als Fluchthelfer stellte er nicht nur seinen Mut und sein organisatorisches Talent unter Beweis, sondern sorgte dafür, dass Unterlagen der Fluchthilfeaktionen akribisch gesammelt und abgelegt wurden.

Dieter Thieme, geboren am 12. November 1928 in Magdeburg, wurde mit 16 Jahren im Januar 1945 zur Wehrmacht eingezogen. Als letztes Aufgebot sollte er zusammen mit Gleichaltrigen den Krieg gewinnen. Stattdessen kam er bei Kriegsende in amerikanische und englische Gefangenschaft, aus der er Ende 1945 vorzeitig entlassen wurde. Er kehrte nach Magdeburg zurück und machte dort 1949 das Abitur.

In dieser Zeit traf sich Dieter Thieme mehrmals in der Woche in einem kleinen Zirkel mit Schulkameraden. Die jungen Leute setzten sich kritisch mit den Verbrechen des Nationalsozialismus auseinander und diskutierten über die nun herrschende kommunistische Ideologie. Zu ihrer Beunruhigung fanden sie Ähnlichkeiten in den Strukturen beider Systeme. Mit dieser Erkenntnis reifte bei Dieter Thieme der Wille zum Widerstand gegen die neu entstandene Diktatur. Gemeinsam mit den anderen wurde er politisch aktiv. Immer der Gefahr ausgesetzt, erwischt und verhaftet zu werden, schmuggelten die jungen Leute Flugblätter, Plakate und in der DDR verbotene Schriften nach Magdeburg. Am 25. Oktober 1950 wurde Dieter Thieme festgenommen und wegen "Boykotthetze" zu drei Jahren Haft verurteilt. Ende April 1952 erließ Staatspräsident Wilhelm Pieck eine Amnestie, in deren Folge er entlassen wurde. Dieter Thieme floh nach West-Berlin.

An der Freien Universität konnte er sich endlich seinen Wunsch erfüllen und ein Jurastudium aufnehmen. Nach dem 1. Staatsexamen im Jahr 1959 begann Dieter Thieme sein Referendariat, arbeitete nebenbei im Studentenwerk und war dort eine Zeit lang als stellvertretender Geschäftsführer tätig. 1961 war er in der Gebührenerlassstelle des Studentenwerkes für die sogenannten Grenzgängerstudenten zuständig und arbeitete gleichzeitig halbtags beim Verband Deutscher Studentenschaften. Seine Tätigkeit im Studentenwerk ermöglichte ihm sein Freund Detlef Girrmann, der die Leitung der Förderabteilung innehatte.

Als am 13. August 1961 in Berlin die Grenze abgeriegelt wurde, beschlossen Girrmann und Thieme zu handeln. Sie suchten nach Möglichkeiten, um den Studenten, die im Ostteil der Stadt lebten, aber an der Freien Universität studierten, zur Flucht nach West-Berlin zu verhelfen. Systematisch organisierten sie zusammen mit Bodo Köhler immer neue Fluchtwege. Längst waren es nicht mehr nur die Grenzgängerstudenten, denen sie bei ihren Fluchtvorhaben zur Seite standen. Dieter Thieme sah sich gezwungen, sein Referendariat zu unterbrechen, denn sein Engagement in der Fluchthilfe nahm ihn von nun an voll in Anspruch. Innerhalb der Dreiergruppe, denen sich mittlerweile viele Mitstreiter aus dem Umfeld der West-Berliner Universitäten angeschlossen hatten, organisierte er insbesondere Fluchten durch die Berliner Kanalisation und war für die Koordination von Tunnelfluchtaktionen zuständig. Ein Jahr nach der Grenzschließung in Berlin war Dieter Thieme maßgeblich an einer Protestaktion gegen den Mauerbau beteiligt.

Dokument: Richtlinien für die Protestaktion "Verkehrsruhe", bei der West-Berliner am ersten Jahrestag des Mauerbaus in S-Bahnzügen die Notbremse ziehen sollten, West-Berlin, 13. August 1962, Stiftung Berliner Mauer.

Immer mehr gerieten die Organisatoren der studentischen Fluchthilfe in das Visier des MfS und auch der damalige Rektor der West-Berliner Freien Universität, Ernst Heinitz, sprach sich öffentlich gegen die studentische Fluchthilfe aus. Er ersuchte die Beteiligten, die Fluchthilfeaktionen zu beenden. In Folge dieser Auseinandersetzung mit der Universitätsleitung kündigte Dieter Thieme Ende 1962 seine Stelle im Studentenwerk, nachdem Detlef Girrmann bereits entlassen worden war. Er nahm 1963 seinen Referendardienst wieder auf und beendete anschließend sein Jurastudium mit dem 2. Staatsexamen.


Dieter Thieme arbeitete ab 1966 in der Berliner Senatskanzlei, zuletzt als Abteilungsleiter für Personal und Haushalt. Nach seiner Pensionierung im Jahr 1992 widmete er viel Zeit seiner Leidenschaft, dem Reisen. Am 10. Juni 2010 verstarb Dieter Thieme im 82. Lebensjahr.

Lydia Dollmann

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Dieter Thieme

Diether Thieme, West-Berlin, um 1955, Freie Universität Berlin, Universitätsarchiv, Immatrikulationsbüro

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