DR. RENATE WERWIGK-SCHNEIDER

Wir wollten uns nicht einsperren lassen

Dr. Renate Werwigk-Schneider war 23 Jahre alt und hatte ihr Medizinstudium an der Humboldt-Universität zu Berlin fast beendet, als am 13. August 1961 die Stadt zwischen Ost und West abgeriegelt wurde. In der Silvesternacht 1963 floh Ihr Bruder mit Hilfe des Vaters am südlichen Stadtrand nach West-Berlin. Sofort begann er, sich nach Fluchtmöglichkeiten für seine ältere Schwester und seine Eltern umzuhören. Eines Tages erhielten sie von einem seiner Freunde die unbestimmte Nachricht, dass etwas passieren würde. Etwa ein halbes Jahr saßen sie in Rufbereitschaft und warteten auf nähere Informationen. Unterdessen gruben Studenten einen Tunnel aus einer alten Fabrik auf der West-Seite der Bernauer Straße zur Brunnenstraße 45.

Als der Tunnel fertig gestellt war und die Flucht beginnen sollte, fuhren Renate Werwigk-Schneider und ihre Eltern mit ihrem alten VW in die Wilhelm-Pieck-Straße nahe der Grenze. Von dort sollten sie zur Brunnenstraße 45 laufen, den Keller betreten und sich mit einer Losung zu erkennen geben. Doch als sie keine Antwort auf das vereinbarte Losungswort bekamen, traten sie zögernd den Rückweg an. Am Auto angekommen, bemerkten sie voller Schrecken, dass in ihrer Abwesenheit ein Schild angebracht worden war, das für einen Kosmetiksalon warb. Fluchthelfer hatten es dort aufgehängt. In der Werbeschrift versteckte sich für die anderen Flüchtenden bei genügend Vorwissen der Fluchtort, sie wussten nur den Standort des Autos und sollten sich zu der Hausnummer 45 der auf der im Schild verschlüsselten Straße begeben. Besorgt riss ihr Vater das Schild ab und fuhr mit Frau und Tochter nach Hause. Vier Tage später wurden sie nochmals informiert, die Fluchtaktion würde nun wirklich starten. In Berlin angekommen, erreichte sie die Nachricht, dass der Tunnel verraten worden war.

Im Februar 1963, zwei Tage später, wurde der Vater auf einer Tankstelle verhaftet, Renate Werwigk-Schneider selbst wurde zu Hause festgenommen und in das Untersuchungsgefängnis nach Potsdam gebracht. Von dort kam sie in die Untersuchungshaftanstalt des MfS in Berlin-Hohenschönhausen. Eine Gruppe von Vernehmern des Staatssicherheitsdienstes versuchte, Einzelheiten über die geplante Massenflucht zu erhalten. Ausgangspunkt der Ermittlungen waren Aussagen, die den bereits verhafteten Kurieren abgepresst worden waren.

Wegen des versuchten Fluchtversuches verurteilte das Bezirksgericht Rostock Renate Werwigk-Schneider zu zwei Jahren und sechs Monaten Zuchthaus, ihren Vater zu drei Jahren und ihre Mutter zu einem Jahr. Nach dem Prozess wurde Renate Werwigk-Schneider in die Haftanstalt Frankfurt/Oder verlegt, wo sie als Anstaltsärztin arbeiten musste.

Nach der Entlassung aus dem Strafvollzug im Sommer 1965 arbeitete sie als Medizinalassistentin und begann in der Kinderklinik in Rangsdorf mit der Facharztweiterbildung. Nach zwei Jahren suchte sie den Anwalt Wolfgang Vogel auf, der als Unterhändler der DDR Häftlingsfreikäufe organisierte, Mit der Hilfe ihres Freundes wagte sie einen zweiten Fluchtversuch. Mit einem gefälschten Pass wurde sie in Bulgarien an der türkischen Grenze verhaftet und in das Staatsgefängnis in Sofia verbracht. Aufgrund eines Abkommens zwischen der DDR und der Volksrepublik Bulgarien wurde sie in die DDR ausgeflogen und wieder nach Hohenschönhausen überstellt. Im Dezember 1967 verurteilte sie das Gericht in Potsdam zu weiteren drei Jahren und sechs Monaten Zuchthaus. Ein Jahr später wurde sie von der Bundesrepublik freigekauft, die Modalitäten des Grenzübertritts zwischen Bebra und Wartha wurden von Rechtsanwalt Vogel und dem West-Berliner Rechtsanwalt Stange geregelt. Sie überreichten ihr einen großen Blumenstrauß von ihren Eltern und sämtliche Zeugnisse, Akten und Papiere. Renate Werwigk-Schneider erinnert sich: „Sie hatten nachher einen Aktenkoffer mit barem Geld in der Hand. Auf einmal fuhr ein schwarzer Mercedes von der Bundesregierung vor, in dem vier Männer mit schwarzen Anzügen saßen. Es war wie im Bilderbuch. Ich musste Paradelaufen, bis sie gesagt haben: ‚Sie ist es.’ Daraufhin wechselte der Geldkoffer seinen Besitzer.“ Zwei Jahre später durfte sie das erste Mal ihre Eltern in Ost-Berlin besuchen.

Am 9. November 1989 erfuhr Renate Werwigk-Schneider die Nachricht vom Mauerfall aus dem Fernsehen. Schon wenig später klingelten Freunde und Bekannte aus Treptow und Prenzlauer Berg an ihrer Tür. Insgesamt acht oder neun Leute übernachteten bei ihr, sie sahen zusammen Fernsehen und aßen Pizza. Am nächsten Tag erlebten sie glücklich das Sonderkonzert des West-Berliner Dirigenten Daniel Barenboim in der Philharmonie, das spontan für DDR-Bürger gegeben wurde.

Anna von Arnim

Ausführliche Biographie als pdf. [PDF, 40,00 KB]

zurück
Dr. Renate Werwigk-Schneider

Dr. Renate Werwigk-Schneider, Foto: privat

O-TON

Gescheiterter Fluchtversuch durch den Tunnel in der Brunnenstraße

Bericht über die Haftentlassung und den Freikauf

Aus einem Zeitzeugeninterview vom 18. Oktober 2000, Gedenkstätte Berliner Mauer

LITERATUREMPFEHLUNG

Nooke, Maria: Der verratene Tunnel. Geschichte einer verhinderten Flucht im geteilten Berlin. Edition Temmen, Bremen 2002