EINBLICKE IN DIE SAMMLUNGEN

Vorbereitung zur Republikflucht: Fotografien aus der Ost-Perspektive auf die Berliner Mauer

Im Juli 1969 wird D. Hubert Peuker von einem Beamten der Volkspolizei in der Nähe des Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportparks aufgegriffen und vorläufig festgenommen. Der Grund für seine Verhaftung: "Gefahr der Republikflucht". Der Jugendliche, der mit zwei Freunden aus Jena nach Ost-Berlin gereist ist, hält sich zum Zeitpunkt der Festnahme im Grenzbereich auf und ist im Besitz einer Kamera. Auf die Frage nach dem Gegenstand seiner Aufnahmen antwortet er lapidar: "Stadtmotive."

Zum vergrößern auf die Bilder klicken

Was Peuker verschweigt, ist der eigentliche Inhalt des Fotofilms, der aus ca. 30 Aufnahmen besteht und die Grenzanlagen in der Nähe der Bernauer Straße dokumentiert. Auf der Suche nach einer passenden Stelle für einen Fluchtversuch läuft Peuker den innerstädtischen Bereich der Berliner Mauer entlang der Bernauer Straße ab. Dabei gelingt es ihm, ein bewohntes Grenzhaus in der Schwedter Straße/Ecke Kremmener Straße zu betreten, aus dessen Fenster er verbotene Aufnahmen vom Grenzstreifen machen kann. Die Bernauer Straße bildet die Grenze zwischen den Berliner Stadtbezirken Wedding und Mitte. Da überwiegend schon der Bürgersteig zu West-Berlin gehört, bilden die Häuserfassaden die Grenze zwischen dem Ost- und Westteil der geteilten Stadt. Schon einige Wochen nach Beginn des Mauerbaus werden die direkt an der Grenze stehenden Häuser zwangsgeräumt. Auch durch die dramatische Teilung der Evangelischen Versöhnungsgemeinde infolge des Mauerbaus gelingt die Straße zu trauriger Berühmtheit. Während die meisten Gemeindemitglieder auf der Westseite leben, befindet sich die Kirche inmitten des Grenzstreifens und ist somit für die Gemeinde auf einen Schlag unerreichbar.

Die Vermutung der Volkspolizisten, dass es sich bei Peukers Ansinnen um eine Straftat nach §213 des Strafgesetzbuches der DDR handeln könnte, welcher den ungesetzlichen Grenzübertritt unter Strafe stellt, erweist sich im Nachhinein als zutreffend, jedoch hat er Glück, dass seine Bilder nicht konfisziert werden. Nach einem ganzen Tag in Gewahrsam, einer Vernehmung und der Durchsuchung seiner Unterkunft in der Bahnhofsmission des Ostbahnhofs durch Beamte des Staatssicherheitsdienstes wird Peuker mit der Aufforderung, das Stadtgebiet innerhalb von zehn Stunden zu verlassen, wieder freigelassen.

Zum vergrößern auf die Bilder klicken

D. Hubert Peuker spielt schon lange mit dem Gedanken, die DDR zu verlassen. Geboren 1953 in Braunschweig, fühlt er sich in seiner neuen Heimat, der DDR, in die seine Familie Mitte der 1950er Jahre noch vor dem Mauerbau umsiedelte, nie wirklich wohl. Früh beginnt er aufzubegehren und gegen jegliche Form von politischer Bevormundung und Entmündigung Einspruch zu erheben. Nach der achten Klasse bricht er die Schule ab und beginnt eine Lehre als Maurer. Die Zustände im Ausbildungsbetrieb desillusionieren ihn zunehmend und verstärken den Gedanken, einen Fluchtversuch zu unternehmen. Im jugendlichen Alter von sechzehn Jahren entscheidet er sich endgültig für die Flucht in den Westen. Dort lebt die Familie der Mutter mit seinem älteren Bruder.

Der Besuch Ost-Berlins im Sommer 1969 ist ein wesentlicher Teil seiner Fluchtvorbereitungen. Zurück in Jena wertet Peuker die Fotos, die er mit einer einfachen Schwarz-Weiß-Kamera der Marke "Werra" aufgenommen hat, auf der Suche nach einer geeigneten Stelle für die Überwindung der Grenze aus. Er muss die Fotos mithilfe eines kleinen Bausatzes aus Entwicklungsdose, Wannen und Chemikalien in dem zur Dunkelkammer umgebauten Dachboden des Familienhauses selbst entwickeln, da die Abgabe seiner brisanten Bilder an ein Fotolabor viel zu gefährlich wäre.

Zum vergrößern auf die Bilder klicken

Peuker entscheidet sich als Fluchtstelle für einen Ort in unmittelbarer Umgebung seiner Verhaftung: Oderberger Straße/Ecke Bernauer Straße. Im Schutz eines Grenzhauses, das - so lässt es sich seinen Aussagen zufolge vermuten - in der Kremmener Straße gelegen haben muss, überwindet er in der Nacht vom 5. zum 6. November 1969 zunächst die Hofmauer, die mit dem Grenzbereich verbunden ist. Im Anschluss passiert er unbemerkt die Hundelaufanlage und kann über die Sperrelemente, gebaut aus kreuzweise verschweißten Eisenbahnschienen, springen. Das letzte Hindernis bildet ein Metallzaun, den er mithilfe einer Höckersperre, die als Podest dient, bewältigt. Peuker befindet sich nun in einer Art Korridor zwischen dem vorderen Sperrelement und den Fassadenresten der abgerissenen Grenzhäuser, durch den er schließlich nach West-Berlin gelangt.

D. Hubert Peuker beschreibt in einem Bericht, den er kurz nach seiner Flucht in Braunschweig verfasst, eindrücklich und detailliert die Erlebnisse seiner Flucht sowie ihrer Vorbereitungen. Diese Darstellung ist nie veröffentlicht worden und diente zusammen mit weiteren Grenzfotos seiner persönlichen Erinnerung an die entscheidende Nacht. Am Tag der Flucht, so beschreibt der jugendliche Peuker die letzten Stunden sehr ausführlich, ist er vor Aufregung schon so schwach, dass er seinen Plan aufgeben möchte, nachdem er ganze Tage und Nächte immer wieder die geplante Stelle im Hinterhof des Grenzhauses aufgesucht hat. Die endgültige Motivation, seinen Plan in die Tat umsetzen, wird schließlich durch das Auftauchen von alliierten Soldaten der französischen Armee auf einem in Sichtweite entfernten Aussichtsturm in West-Berlin ausgelöst, notierte Peuker in seinem Erfahrungsbericht. Diese Patrouille nimmt ihn schließlich leicht verletzt nach seiner erfolgreichen Flucht auf der West-Berliner Seite in Empfang.

Zum vergrößern auf die Bilder klicken

Im Jahr 2012 stellte D. Hubert Peuker Teile dieser Bilderserie, die er innerhalb weniger Stunden aufgenommen hatte, der Stiftung Berliner Mauer zur Verfügung. Das Konvolut dokumentiert nicht nur Peukers eigene Flucht, sondern vereint auch historische Zeugnisse der Berliner Mauer und des Grenzgebietes rund um die Bernauer Straße.

Innerhalb der fotografischen Bestände der Sammlung stellen die Bilder D. Hubert Peukers eine Besonderheit dar, weil sie die "Ost-Perspektive" auf die Berliner Mauer zeigen. Das Betreten des Grenzgebietes war allen DDR-BürgerInnen strengstens untersagt - ausgenommen AnwohnerInnen mit Sonderausweis - und wurde von offizieller Seite als Vorbereitung zu einer „Republikflucht“ gewertet. Insbesondere das Erstellen von filmischen bzw. fotografischen Aufnahmen erhärtete diesen Verdacht. Vergleichbare Motive finden sich auch auf Fotografien von weiteren Ost-Berliner EinwohnerInnen bzw. DDR-BürgerInnen wieder, die 2014 zusammen in der Ausstellung "Ost-Sicht. Verbotene Blicke" im Besucherzentrum der Gedenkstätte Berliner Mauer zu sehen waren. Das Risiko, das die FotografInnen bei der Herstellung ihrer Aufnahmen eingegangen sind, wird deutlich sichtbar. Zum Beispiel verdecken Fensterrahmen den Teil eines Bildes und deuten somit auf die Umstände seiner Entstehung hin: versteckt in Hausfluren von Grenzhäusern oder hinter der Gardine in der eigenen Wohnung. Im Rahmen der zur Ausstellungseröffnung veranstalteten Podiumsdiskussion sind die hier verwendeten Audiomitschnitte entstanden.

Zum vergrößern auf die Bilder klicken

Viele der Fotografien, die im Zuge der Fluchtvorbereitung D. Hubert Peukers entstanden, sind "aus der Hüfte" geschossen worden - mit dem Risiko, jederzeit von Grenzbeamten bzw. Volkspolizisten, die besonders im Bereich der Bernauer Straße sehr häufig patrouillierten, entdeckt zu werden. Somit konnte Peuker keine wirkliche Vorauswahl für ein Motiv treffen, einige Bilder sind verwackelt und unscharf. Er selbst beschreibt seine damalige Verfassung als "jugendlichen Leichtsinn", der es ihm ermöglichte, die Überzeugung und den Mut aufzubringen, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen.

Der fotografische Blick, der sich in den Bildern wiederspiegelt, legt Zeugnis von einer verzweifelten Sehnsucht ab, die DDR so schnell wie möglich zu verlassen und den Repressalien dieses Staates eine Absage zu erteilen. Selbstbewusst zeigt sich der jugendliche Peuker auf den in dieser Zeit entstandenen Selbstporträts. Vor dem Warnschild, auf dem deutlich das Betretverbot zu lesen ist, schaut er mit offenem provozierenden Blick in die Kamera.

Zum vergrößern auf die Bilder klicken

zurück

SCHLAGZEILE

ORIENTIERUNG

O-TON

Peuker, Abb. 41
D. Hubert Peuker (links) bei der Ausstellungseröffnung "Ost-Sicht. Verbotene Blicke".

D. Hubert Peuker über die Veröffentlichung seiner Fotos.

D. Hubert Peuker über seine Jugend in Jena und die Vorbereitung seiner Flucht.

D. Hubert Peuker über Entstehung und Auswahl der Fotos.

ARCHIV

Stöbern Sie in unserem Archiv