ELKE ROSIN

Flucht aus einem Grenzhaus in der Bernauer Straße

Schokolade, ein paar Nylonstrümpfe, ein bisschen Kaffe und manchmal auch Micky Maus-Hefte versteckte die zehnjährige Elke Mathern in ihrem Ranzen, wenn sie auf dem Schulweg an den Grenzpolizisten vorbei musste. „Ich wurde schon früh zur Schmugglerin erzogen“, erinnert sie sich. Die großen Stellwände und Plakate in den S-Bahnhöfen, auf denen Fotos der Menschen abgebildet waren, die mit Westgeld oder geschmuggelten Waren erwischt worden waren, machten ihr Angst. Sie kam sich dann fast wie eine Verbrecherin vor.

Familie Mathern lebte auf der zu Ost-Berlin gehörenden Seite der Bernauer Straße. Die Sektorengrenze verlief hier entlang der Häuserfront, der Gehweg gehörte schon zu West-Berlin. Wenn Elke Mathern ihr Wohnhaus in der Bernauer Straße 11 verlassen wollte, musste sie automatisch den Westen betreten. Da sie die Erweiterte Max-Planck-Oberschule in der Auguststraße in Ost-Berlin besuchte, hatte sie mindestens zweimal täglich die Sektorengrenze zu passieren. In den Pausen durften die Kinder auf dem Schulhof nur im Kreis gehen und mussten regelmäßig zum Appell antreten. Die Auszeichnungen und Preisverleihungen nahm Elke Mathern nicht so ernst und auch bei der FDJ fühlte sie sich nicht wohl. Obwohl der Konfirmandenunterricht verpönt war, wurde sie in der St. Elisabethkirche konfirmiert, erlebte aber auch die Jugendweihe.

Die nächst gelegene S-Bahn-Station zu ihrem Wohnhaus war der Nordbahnhof. Manchmal war es schon spät und dunkel, wenn sie von dort nach Hause lief. Auf ihrem Weg kam sie an der Versöhnungskirche vorbei. Sie staunte jedes Mal über die große Jesusfigur mit den zum Segen erhobenen Händen über der Kirchentür. Die Figur hat sie sehr beeindruckt: „Als Kind dachte ich jedes Mal, wenn ich da durchgehe, segnet er mich.“

Am 13. August 1961 war sie mit ihrer Familie im Wochenendhaus in Falkensee. Plötzlich mussten sie und ihre Schwester schnell frühstücken und ihre Sachen zusammen suchen. Über viele Umwege ging es zurück nach Berlin. Die U-Bahn-Linie zur Haltstelle Bernauer Straße wurde nicht mehr bedient, deshalb liefen sie den Weg Richtung Grenze. Sie zeigten bei einer Kontrolle ihren Personalausweis mit der Adresse Bernauer Straße 11 und durften zurück in ihre Wohnung. Nur selten haben sie diese in den folgenden Tagen verlassen, denn sie mussten ja immer West-Berliner Gebiet betreten. Es war eine sehr unruhige, aber auch aufregende Zeit, in der nur wenig gesprochen wurde. Auf der westlichen Seite der Straße entstanden Menschenansammlungen aus Fotografen, Reportern, Journalisten und Polizisten. Ihre Eltern merkten früh, dass die Grenze dieses Mal nicht wieder geöffnet werden würde. Es war zu beobachten, wie die ersten Nachbarn über die Straße flüchteten.

Vier Tage nach der Grenzschließung, am 17. August 1961, bemerkte Elke Rosin, wie ihre Mutter und ihre Großmutter die Schubladen aufrissen, Papiere raussuchten und Kleider zusammen packten. Sie nutzte die Gelegenheit, um ihr blaues FDJ-Hemd, das sie immer ungern getragen hatte, loszuwerden. Ihr Instinkt sagte ihr, dass nun Andere in ihre Wohnung kommen würden, deswegen hängte sie es demonstrativ außen an den Schrank. In ihrer Aufregung stellte sie nur ihren Wellensittich bereit, alle anderen Sachen musste sie zurück lassen. Sie konnten noch zur Haustür auf die Straße hinaus treten, wenig später wurde die Tür von innen verschlossen. Ihr Vater blieb in der Wohnung und reichte aus dem Fenster die Taschen und Kleidersäcke heraus, die sie auf die andere Straßenseite brachten. Es musste sehr schnell gehen, denn Nachbarn warnten ihn, dass die Polizei schon durch den Eingang über den Hof kommen würde. Elke Rosin merkte in diesem Moment, dass es gefährlich wurde. Ihrem Vater war der Weg durch die Haustür versperrt, er wäre abgefangen worden. Deshalb sprang er aus dem Fenster der Wohnung im Hochparterre. Unmittelbar danach waren die Grenzpolizisten in der Wohnung angelangt, die Fenster und Jalousien wurden verschlossen. Zusammen mit ihren Eltern, ihrer Schwester, ihrer Großmutter und ihrem Wellensittich und mit Hilfe der Anwohner verließ Familie Mathern die Bernauer Straße. Wenige Tage darauf konnten sie von der westlichen Straßenseite aus beobachten, dass auch die Fenster der Wohnungen in der unteren Etage der Grenzhäuser verschlossen wurden.

Anna von Arnim

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Blick aus dem Fenster, Elke Rosin mit Großmutter, 1960

Blick aus dem Fenster, Elke Rosin mit Großmutter, 1960, Foto: Gedenkstätte Berliner Mauer

Flucht aus dem Haus Bernauer 11 auf die West-Seite der Straße

Flucht aus dem Haus Bernauer 11 auf die West-Seite der Straße, 17.08.1961, Foto: Landesarchiv Berlin

Das Haus mit zugemauerten Fenstern und Türen

Das Haus mit zugemauerten Fenstern und Türen, Foto: Gedenkstätte Berliner Mauer

O-TON

Elke Rosin über ihre Erinnerungen an die Versöhnungskirche

Aus einem Zeitzeugeninterview vom 9. März 2001, Gedenkstätte Berliner Mauer