GERD RÜCKER

Verbotene Fotos von der Ostseite der Mauer

An einem Sonntag im Juli 1977 fuhr Gerd Rücker mit seinem Fahrrad in Richtung Berliner Mauer. Er war unruhig, seine West-Berliner Tante lag im Hildegard-Krankenhaus in Charlottenburg. Nur seine Mutter konnte ihr jenseits der Grenze einen Besuch abstatten, da sie als Rentnerin nach West-Berlin fahren durfte. Gerd Rücker ahnte, dass dies die letzte Möglichkeit war, die schwerkranke Tante zu sehen. Vor dem Mauerbau war es für ihn als Ost-Berliner ohne weiteres möglich, im Westteil der Stadt Verwandte und Freunde zu besuchen, da die Grenze faktisch offen war. Nun war ihm der Weg nach West-Berlin versperrt. Um sich abzureagieren, fuhr er die Sperranlagen von der Oberbaumbrücke bis nach Rosenthal ab. Dabei stellte er überrascht fest, wie dicht er an die Grenze herankommt. Gerd Rücker wiederholte diese Fahrten in der Folgezeit mehrfach, bis er auf die Idee kam, das Gesehene nicht nur gedanklich zu speichern, sondern auch fotografisch festzuhalten.

Gerd Rücker wurde am 4. September 1942 in Berlin geboren und wuchs in Berlin-Weißensee auf. Trotz der Teilung der Stadt in Sektoren nahmen die Rückers, wie viele Andere auch, Berlin immer noch als eine Stadt wahr. Es war die über die ganze Stadt verteilte Verwandtschaft, die Gerd Rücker das Gefühl gab, dass Berlin nicht geteilt ist. Jede Gelegenheit des Zusammenseins wurde genutzt, um sich auszutauschen und gegenseitig behilflich zu sein, aber auch um zu feiern. Die Sektorengrenzen hinderten dabei nicht, auch wenn die Grenz- und Volkspolizei der DDR Kontrollen an der Demarkationslinie durchführte.

Am 13. August 1961 befand sich Gerd Rücker im Urlaub in Jena. In den Nachrichten hörte er von der Grenzschließung in Berlin. Er konnte sich aus der Ferne nur schwer vorstellen, was in Berlin geschehen war und dass es von Dauer sein könnte. Zurück in Berlin war für Gerd Rücker die gravierendste Umstellung nach der Grenzschließung die Beschränkung, Familienmitglieder und Freunde in West-Berlin nicht mehr ungehindert treffen zu können. Er suchte nach Möglichkeiten, um mit der Teilung der Stadt zurechtzukommen.

Gerd Rücker zog es immer wieder in die Nähe der Grenzanlagen. Zunächst kundschaftete er vorsichtig die Gegend in der Nähe des Grenzgebiets aus. Später kehrte er mit seiner Kamera Altix-n an die Orte zurück. Er begann im Norden von Berlin in den Pankower Ortsteilen Rosenthal und Wilhelmsruh, die Grenzanlagen von der Ostseite aus zu fotografieren. Immer der Gefahr ausgesetzt, entdeckt und verhaftet zu werden. So dokumentierte er die absurde Grenze, die sich mitten durch seine Heimatstadt zog, von Schildow mit Sicht nach Lübars bis nach Johannisthal mit Blick nach Rudow und Gropiusstadt.

Zum 25. Jahrestag des Mauerbaus im August 1986 holte Gerd Rücker seine „Mauerfotos“ aus dem Versteck und stellte eine Auswahl der Fotos in einem Album zusammen: Ein stilles und heimliches Zeichen, um auf das Leiden, das mit der Berliner Mauer einhergeht, sowie auf die unnatürliche Teilung Berlins hinzuweisen. Er wollte deutlich machen, dass jeder die Situation kennen konnte - und lief damit Gefahr, dass seine Fotos von der Stasi entdeckt werden und er verhaftet wird.

Zeichnung vom geteilten Deutschland als Weihnachtskarte [PDF, 1,1 MB]

Den Herbst 1989 erlebte Gerd Rücker als Befreiung, da er unter Gleichgesinnten seinem Unmut Luft machen konnte und oftmals mit mehr Mut und Hoffnung auf Veränderung in der DDR von den Versammlungen und Demonstrationen nach Hause ging. Am Abend des 9. November 1989 erlebte er voller Freude die Öffnung der Grenze am Grenzübergang Bornholmer Straße. In der folgenden Zeit erfüllte sich für Gerd Rücker ein lang ersehnter Traum, die missliebige Mauer, die die Stadt geteilt hat, verschwand immer mehr aus dem Stadtbild.

Lydia Dollmann

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Gerd Rücker

Gerd Rücker, 2013
Foto: Manfred Wichmann, Gedenkstätte Berliner Mauer

O-TON

Gerd Rücker über die Idee, Fotos von der Berliner Mauer zu machen

Über die Vorgehensweise beim Fotografieren der Berliner Mauer

Über die Aufbewahrung der Fotos

Aus einem Zeitzeugeninterview, 31. Juli 2013, Gedenkstätte Berliner Mauer