GÜNTER JESCHONNEK

Nicht Bittsteller sondern Staatsbürger

Im September 1987 schlossen sich etwa 25 Ausreiseantragsteller zusammen, um gemeinsam ihre Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR von der DDR-Staatsmacht einzufordern. Die Mitglieder der Arbeitsgruppe „Staatsbürgerschaftsrecht der DDR“ machten deutlich, dass das SED-Regime durch die Ablehnung von Anträgen auf ständige Ausreise und die Verfolgung der Antragsteller gegen das innerstaatliche Recht und internationale Vereinbarungen, wie beispielsweise der UNO-Menschenrechtserklärung und der von der DDR unterzeichneten KSZE-Schlussakte von Helsinki, verstieß. Am 10.12.1987, dem internationalen Tag der Menschenrechte, wollte Günter Jeschonnek, Gründungsmitglied und Sprecher der AG, eine von der Gruppe an die DDR-Regierung gerichtete Erklärung bei dem Gottesdienst in der Ost-Berliner Gethsemanekirche der Öffentlichkeit vortragen. Um dies zu verhindern, veranlasste die Stasi, dass Günter Jeschonnek und seine Familie an diesem Tag nach West-Berlin ausreisen mussten.

Erklärung der Gruppe "Staatsbürgerschaftsrecht der DDR" [PDF, 530,00 KB]
Begründung der Stasi zur Ausreise von Günter Jeschonnek [PDF, 580,00 KB]

Geboren wurde Günter Jeschonnek am 10. Dezember 1950 in Halle/Saale. 1957 zog er zusammen mit seinen Eltern, staatstreuen SED-Genossen, und den drei Brüdern nach Ost-Berlin. Auf Drängen des Vaters begann Günter Jeschonnek 1965 eine Lehre in der Landwirtschaft, die er 1968 als Agrotechniker abschloss. Während des anschließenden Studiums für Agraringenieurwesen in Fürstenwalde weigerte er sich, an der vormilitärischen Ausbildung teilzunehmen. Günter Jeschonnek musste das Studium abbrechen und als Traktorist arbeiten, bis er es 1971 fortsetzen durfte. Diese Zeit bezeichnete Günter Jeschonnek als „wichtige Lebensschule“. In der Landwirtschaft sei er mit Problemen konfrontiert worden, die ihm aufzeigten, dass das wahre Leben der DDR-Bevölkerung nicht so positiv aussah, wie es ihm seine Eltern immer geschildert hatten. Als Agraringenieur arbeitete er ab 1972 als stellvertretender Abteilungsleiter in der LPG Eggersdorf/Müncheberg und später am Müncheberger Institut für Bodenfruchtbarkeit.

Um dem Wehrdienst bei der NVA zu entgehen, beschloss Günter Jeschonnek 1973 zusammen mit einem ehemaligen Kommilitonen über die Tschechoslowakei, Ungarn und Österreich in die Bundesrepublik zu fliehen. Bereits bei der Bahnfahrt durch die DDR wurden sie an der Grenze zur Tschechoslowakei festgenommen und verhört. Sie konnten sich jedoch rausreden, so dass sie nach einer Strafzahlung wegen Devisenvergehens und mit einem sogenannten PM-12 als Behelfsausweis entlassen wurden. Günter Jeschonnek erhielt die Auflage, Ost-Berlin nicht zu verlassen. Ein halbes Jahr musste er zum Grundwehrdienst bei der NVA antreten.

Mit seiner Immatrikulation am Institut für Schauspielregie Berlin und dem vierjährigen Regie-Hochschulstudium, das er 1982 abschloss, wandte sich Günter Jeschonnek seinen künstlerischen Interessen zu. Während dieser Zeit lernte er die Pfarrerstochter Gudrun Jaeger kennen, die er 1981 heiratete. Ein Jahr später wurde die gemeinsame Tochter Luise geboren.

Nach Beendigung seines Studiums arbeitete Günter Jeschonnek als Theaterregisseur und Spielleiter. Durch seine systemkritischen Theaterinszenierungen wurde die Stasi auf ihn aufmerksam. Seine letzten Theaterprojekte in Senftenberg und Dresden wurden nicht genehmigt. Nach seinem Antrag auf Ausreise aus der DDR im Januar 1986 erhielt Günter Jeschonnek schließlich innoffizielles Berufsverbot. Die „freie Zeit“ nutzte er, um sich innerhalb der evangelischen Kirche und der Arbeitsgruppe „Staatsbürgerschaftsrecht der DDR” zu engagieren. So war er u. a. an der Organisation und Durchführung des oppositionellen Sternenmarsches zu vier Ost-Berliner Kirchen und der abschließenden Veranstaltung in der Gethsemanekirche beteiligt, die im Rahmen des Olof-Palme-Friedensmarsches im September 1987 in der DDR stattfanden. Wegen Günter Jeschonneks „feindlich-negativen Einstellung“, fürchtete die Stasi seine „öffentlichkeitswirksamen Aktivitäten unter eventueller Einbeziehung westlicher Massenmedien“ und beschloss, ihn, seine Frau und seine Tochter „schnellstmöglich aus der Staatsbürgerschaft der DDR zu entlassen“. Trotz des von Günter Jeschonnek geleisteten Widerstandes gegen diese von der Stasi geplante kurzfristige Zwangsausreise, musste die Familie am 10. Dezember 1987 über den Grenzübergang am Bahnhof Friedrichstraße nach West-Berlin ausreisen. Dort setzte er seine oppositionelle Arbeit gegen das SED-Regime fort.

Lydia Dollmann

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Günter Jeschonnek

Günter Jeschonnek, 2010, Foto: Günter Steffen

O-TON

Gründe für die Antragstellung auf Ausreise

Über die politische Arbeit und die Ausreise nach West-Berlin

Aus einem Zeitzeugeninterview, 11. Oktober 2010, Gedenkstätte Berliner Mauer