GÜNTER MALCHOW

Der tägliche Wahnsinn mit der Mauer

Der Lebensmittelpunkt von Günter Malchow war das Lazaruskrankenhaus: Hier lebte er, hier arbeitete er und hier hatte er täglich die Mauer vor Augen.

Im Dezember 1934 in Berlin geboren, arbeitet er ab 1955 als Krankenpfleger im Lazaruskrankenhaus in Berlin-Wedding. Das Krankenhaus befand sich direkt an der Sektorengrenze in der Bernauer Straße und lag im französischen Sektor.

Im Jahr 1958 heiratete Günter Malchow, in den folgenden Jahren wurden dem Paar vier Söhne geboren.

Das Familienleben wurde nicht nur durch den Krankenhausbetrieb geprägt, sondern auch durch den Mauerbau und seine Folgen. Die dramatischen Ereignisse an der Grenze in der Bernauer Straße spielten sich in unmittelbarer Nähe des Krankenhauses ab. Von der Wohnung der Malchows blickte man direkt auf die Sperranlagen, die über den Friedhof der Sophiengemeinde auf der gegenüberliegenden Straßenseite gezogen wurden.

Auch durch seine Arbeit im Lazaruskrankenhaus wurde Günter Malchow täglich mit den Auswirkungen des Mauerbaus für die betroffenen Menschen konfrontiert. Als Oberpfleger hatte er für die Versorgung der verletzten Flüchtlinge zu sorgen, die nahezu täglich in das Krankenhaus gebracht wurden.

So erlebte er die Einlieferung von Rudolf Urban und seiner Frau, die sich am 19. August 1961 aus dem Fenster ihrer im ersten Stock gelegenen Wohnung in der Bernauer Straße 1 an einer Wäscheleine abgeseilt hatten. Rudolph Urban starb drei Wochen später an den Folgen seiner Verletzungen.


Als am 4. September 1962 Ernst Mundt bei seinem Fluchtversuch über den Sophienfriedhof erschossen wurde, war Günter Malchow unter den ersten an der Unfallstelle. Dem Flüchtling konnte aber nicht geholfen werden, da er von der Friedhofsmauer auf das Gelände des Friedhofs zurück gestürzt war.

1963 nahm Familie Malchow für einige Zeit einen zwölfjährigen Jungen auf, dem ein Sprung vom Dach eines zugemauerten Grenzhauses in ein Sprungtuch der West-Berliner Feuerwehr gelang. Der Junge wurde den Ostberliner Behörden erst übergeben, nachdem geklärt war, dass er zu seinen Eltern zurückkehren durfte und nicht in einen Jugendwerkhof eingeliefert wurde.

Günter Malchow arbeitete mehrere Jahre ehrenamtlich in der Gedenkstätte Berliner Mauer. Er ist 2009 verstorben.

Maria Nooke

zurück
Günter Malchow

Günter Malchow, Foto: privat

O-TON

Alltag in der Bernauer Straße nach dem Mauerbau

Aus einem Zeitzeugeninterview vom 7. April 1999, Gedenkstätte Berliner Mauer