HANS-JOACHIM LAZAI

Polizist und Mauersprenger

Am 13. August 1961 änderten sich das Leben und die Arbeit Hans-Joachim Lazais, des West-Berliner Polizisten vom Einsatzkommando Wedding, grundlegend. Er hatte an diesem Sonntag dienstfrei, wurde aber an die Bernauer Straße Ecke Schwedter Straße gerufen. Hier erlebte er hautnah die Reaktionen der aufgebrachten Menschen, sah den ausgerollten Stacheldraht und das aufgerissene Straßenpflaster. Die Polizisten fuhren ständig die Bernauer Straße entlang und hatten zum Schutz der West-Berliner an den vom Osten aus gesperrten Straßenübergängen Streifen und Posten platziert. An den darauf folgenden Tagen beobachte Hans-Joachim Lazai die Fluchten einiger Anwohner auf der Ostseite der Bernauer Straße. Von seinem Einsatzwagen aus sah er Ida Siekmann, deren Sprung aus dem Fenster eines Grenzhauses in der Bernauer Straße tödlich endete. Anderen Flüchtlingen wie einem als Schornsteinfeger verkleideten Mann, der aus der Tür eines Grenzhauses an der Bernauer Straße auf den im Westen gelegenen Bürgersteig heraus trat, konnte Hilfe geleistet werden.

Doch die Grenze wurde immer massiver und die Missfallsbekundungen der Menschen auf der Westseite der Straße lauter. Das Einsatzkommando Wedding hatte die Aufgabe, die Menschenmassen zurück zu drängen, um Eskalationen an der Grenze zu verhindern. Hans-Joachim Lazai erinnert sich, dass er sich am liebsten umgedreht und mit den Menschenmassen in die andere Richtung gegangen wäre.

In den folgenden Tagen wurden die Anwohner von der in Ost-Berlin gelegenen Seite der Bernauer Straße durch Mitglieder der DDR-Betriebskampfgruppen zwangsumgesiedelt. Die Nacht- und Nebelaktionen, das Klagen und Weinen der Menschen prägten die Erinnerung des West-Berliner Polizisten. Diese Maßnahmen und die immer massiver werdenden Grenzanlagen bewogen Hans-Joachim Lazai, zu zeigen, dass er damit nicht einverstanden war. Er und ein paar seiner Kollegen wollten ihren Unmut vor allen demonstrieren. Sie suchten Kontakt zu der studentischen Fluchthilfegruppe an der FU Berlin um Detlef Girrmann und erfuhren so von der Idee, die Mauer zu sprengen und damit ein Zeichen gegen das Unrecht zu setzen. In seiner Zeit als Bereitschaftspolizist hatte Hans-Joachim Lazai einem Notstandszug angehört und war im Sprengen ausgebildet worden. So lag es nahe, ihn in die Aktion einzubeziehen. Um die Grenzposten abzulenken, wurde einige hundert Meter von der Bernauer Straße entfernt im Gleimtunnel ein kleiner Sprengsatz gezündet. Die Detonationen waren so laut, dass alle Grenzer – so wie geplant – ihre Position verließen und in diese Richtung liefen. Nun konnte ungestört an der Bernauer Straße eine Lücke in die Mauer gesprengt werden.

Hans-Joachim Lazai beteiligte sich auch an Fluchthilfeaktionen. In Belgien besorgte er zusammen mit der Girrmann-Gruppe Blankopässe und ermöglichte so viele Fluchten. Vor allem wollte er einem Freund helfen und dessen Frau durch einen Tunnel auf dem Friedhof Schönholz holen. Er selbst stand im Tunnel, sah durch ein Loch über sich seinen Freund mit dessen Freundin und konnte auch mit ihnen sprechen. Die Aktion scheiterte jedoch, weil auf dem Friedhof zahlreiche Grenzpolizisten und Angehörige der Staatssicherheit patroullierten. Die beiden konnten sich nicht bücken, um den Tunneleingang zu öffnen, ohne auf sich aufmerksam zu machen und mussten den Friedhof wieder verlassen.

Eine zweite Möglichkeit sahen sie in einer nicht verschlossenen Metalltür, die in der Mauer am Güterbahnhof in der Schwedter Straße gegenüber der Kopenhagener Straße entdeckt worden war. Hans-Joachim Lazai sollte mit einem Bolzenschneider die Stacheldrahtrollen aufschneiden und damit der Verlobten des Freundes und zwei weiteren Frauen zur Flucht verhelfen. Er war zu dem Stacheldraht vorgekrochen und mit einem Seil an einem Dienstwagen gesichert. Auf dem Bahnhof standen mehrere eingeweihte uniformierte und bewaffnete Polizeibeamte vom Einsatzkommando Wedding. Als sich die drei Frauen der Grenze näherten, traten plötzlich Angehörige der Staatssicherheit aus den Hauseingängen. Die Frauen wurden festgenommen; Hans-Joachim Lazai blieb ganz ruhig auf dem Boden liegen, bis ein Kollege mit dem Dienstwagen zurückfuhr und ihn somit wieder in Sicherheit brachte.

Die Fluchthilfegruppe um Detlef Girrmann und Bodo Köhler plante wenig später weitere Sprengungen. Hierfür sollte sich Hans-Joachim Lazai in der Nähe von Frankfurt in einer amerikanischen Kaserne einfinden und den Sprengstoff entgegennehmen. Doch das Vorhaben war bekannt geworden, Lazai wurde auf dem Kasernengelände festgenommen und zur Kriminalpolizei in Aschaffenburg gebracht. Nach Berlin zurückgekehrt, wurde er aus Sicherheitsgründen zur Landespolizei Niedersachsen zwangsversetzt. In Osnabrück lernte er seine spätere Frau kennen. Für ihn war immer klar, dass er sobald wie möglich in seine Heimatstadt zurückkehren wollte. Doch erst nach acht Jahren, im Juni 1970, wurde ihm das gestattet.

Anna von Arnim

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Joachim Lazai bei einem Zeitzeugengespräch in der Gedenkstätte Berliner Mauer

Hans-Joachim Lazai bei einem Zeitzeugengespräch in der Gedenkstätte Berliner Mauer, Foto: Gedenkstätte Berliner Mauer

O-TON

Hans-Joachim Lazai über die Sprengung in der Bernauer Straße

Fluchthilfeversuch durch einen Tunnel in Schönholz

Fluchthilfeversuch durch eine nicht verschlossene Tür in der Mauer

Aus einem Zeitzeugeninterview, 8. April und 4. Juni 2002, Gedenkstätte Berliner Mauer

LITERATUREMPFEHLUNG

Hans-Joachim Lazai: Widerstand gegen die Mauer. Der Anschlag vom 26. Mai 1962, in: von Hinkeldey-Stiftung (Hg.): Berliner Polizei von 1945 bis zur Gegenwart, Berlin 1998, S. 79-84