HARTMUT RICHTER

Unbeugsam an jedem Ort

Im Januar 1966 wurde Hartmut Richter in einem Zug vor der österreichischen Grenze mit einer Landkarte aufgegriffen, in die er mit dem Fingernagel seinen geplanten Fluchtweg eingeritzt hatte. Daraufhin wurde er für fast ein halbes Jahr wegen „Passvergehens“ in das Untersuchungsgefängnis des Ministeriums für Staatssicherheit in Potsdam gebracht und zu zehn Monaten auf Bewährung verurteilt. Nur drei Monate später unternahm Hartmut Richter einen zweiten Fluchtversuch. Vier lange Stunden dauerte es, um im Teltowkanal trotz Bewachung durch die Grenztruppen schwimmend und tauchend bis nach West-Berlin zu gelangen.

Hartmut Richter wurde im Januar 1948 in Glindow bei Werder geboren. Er besuchte die Erweiterte Oberschule mit Internat in Potsdam und hatte parallel dazu eine Berufsausbildung als Betriebs- und Verkehrseisenbahner zu absolvieren. Der Schüler trat nicht in die FDJ ein und weigerte sich, die Mitschüler zu verraten, die Westfernsehen sahen. Als er in der 10. Klasse beim RIAS-Hören erwischt wurde, reglementierte man ihn von der Schule. Erste Fluchtgedanken hatte Hartmut Richter bereits als 16-Jähriger. Zusammen mit einem Freund erkundete er Fluchtmöglichkeiten im Grenzgebiet von Potsdam, schon dabei wurden die Jugendlichen aufgegriffen.

Nach seiner erfolgreichen Flucht durch den Teltowkanal fuhr Hartmut Richter für einige Jahre als Steward zur See und lebte dann in Hamburg. 1971 wurde er aufgrund einer Amnestie aus der DDR-Staatsbürgerschaft entlassen und konnte fortan ohne rechtliche Folgen als Westbürger in die DDR reisen. Nach dem Abschluss des Transitabkommens im selben Jahr sah er die Möglichkeit, seinen Freunden und Bekannten in der DDR zu helfen. Demnach durften auf den Transitstrecken von und nach West-Berlin Bundesbürger nur noch bei einem „begründeten Verdacht“ kontrolliert werden. Hartmut Richter nutzte diese Regelung aus und verhalf in den folgenden drei Jahren über 30 Menschen in seinem Kofferraum versteckt zur Flucht nach West-Berlin. In der Nacht zum 4. März 1975 wurde er am Grenzübergang Drewitz von den Grenzpolizisten kontrolliert – im Kofferraum lag seine eigene Schwester mit ihrem Freund. Alle drei wurden verhaftet. Wieder brachte man ihn in das Untersuchungsgefängnis in Potsdam, wo er dieses Mal ein Jahr lang verbrachte. 1976 wurde der damals 28-jährige Hartmut Richter zur Höchststraße von 15 Jahren Freiheitsentzug wegen staatsfeindlichem Menschenhandel in 18 nachgewiesenen Fällen verurteilt.

Während seiner Haftzeit in Rummelsburg ging er auf keine erkauften Vergünstigungen ein, ließ die monatelange Informations- und Kontaktsperre über sich ergehen und trotzte dem gezielt gestreuten Gerücht, er arbeite für das Ministerium für Staatssicherheit. Insgesamt drei Mal trat er in Hungerstreik, einmal verweigerte er 21 Tage lang die Nahrungsaufnahme. Seine Freiheit konnte er dadurch nicht erzwingen, aber nach 21 Tagen durften ihn seine Eltern besuchen. Von den fünf Jahren und sieben Monaten Haftzeit war Hartmut Richter knapp vier Jahre in Einzelhaft. Den Hungerstreik versuchte er durch Flugblätter zu unterstreichen, er schrieb: „Aus Protest gegen die ständigen Schikanen seiner Handlanger trete ich in einen unbefristeten Hungerstreik, Freiheit allen Fluchthelfern, Freiheit alles Ausreisewilligen, Freiheit allen politischen Gefangenen.“ Die Flugblätter wurden gefunden, Hartmut Richter wegen einer „negativen Beeinflussung seiner Mitgefangenen“ zum Haftvollzug nach Bautzen II verlegt. Auch hier widersetzte er sich der Hausordnung und rebellierte weiter. 1980 kaufte ihn die Bundesrepublik frei, am 2. Oktober 1980 wurde er entlassen.

Hartmut Richter wurde Mitglied der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte und initiierte verschiedene öffentlichkeitswirksame Protestaktionen gegen die DDR. Das Ministerium für Staatssicherheit ließ ihn weiterhin, bis zum Mauerfall, beobachten und erstellte einen „Maßnahmeplan zur physischen Liquidierung des H.R.“ Zum 20. Jahrestag des Mauerbaus am 13. August 1981 organisierte er, dass der Eingang des Büros der sowjetischen Fluggesellschaft „Aeroflot“ auf dem Kurfürstendamm zugemauert wurde und setzte ein Schild mit der Aufschrift davor: „Lieber nicht reinkommen, als nicht rauskommen.“ 1983 angelte er mit einem Haken eine Nagelmatte, auch „Stalinrasen“ genannt, aus dem Grenzstreifen. Neben der aktiven Teilnahme an Demonstrationen und Ankettungsaktionen beteiligte sich Hartmut Richter 1986 anlässlich des Todes eines Transitreisenden an einem Demonstrationszug in Berlin-Kreuzberg, bei dem vier Leute einen Sarg mit sich trugen: „So war die Sache medienwirksam, darum ging es uns.“ 20 Jahre nach der friedlichen Revolution kämpft Hartmut Richter noch immer – jetzt geht es ihm um die Aufklärung der Verbrechen in der DDR und die Beratung von ehemals Verfolgten des SED-Regimes in Fragen von Rehabilitierung und Opferentschädigung.

Zeitungsbericht über eine Solidaritätsaktion mit dem sowjetischen Regimekritiker Andrej Sacharow, Berliner Morgenpost, 11. Dezember 1981 [PDF, 540,00 KB]

Portestaktion gegen das Grenzregime, BZ, 30. Mai 1983 [PDF, 410,00 KB]

Flugblatt anläßlich des Besuches von Erich Honecker in der Bundesrepublik, 1987 [PDF, 770,00 KB]

zurück
Hartmut Richter

Hartmut Richter, 2011, Foto: M. Nooke, Gedenkstätte Berliner Mauer

Hartmut Richter 1970 in Hamburg

Hartmut Richter in Hamburg, 1970, Foto: privat

O-TON

Bericht über die Flucht durch den Teltowkanal

Aktion Stalinrasen am Todesstreifen

Aus einem Zeitzeugeninterview, 18. März 1999, Gedenkstätte Berliner Mauer

LITERATUREMPFEHLUNG

Staatsfeind der DDR - Der Fall Hartmut R. in: Die vergessenen Opfer der Mauer. Flucht und Inhaftierung in Deutschland 1961 - 1989, Hg. von der Stiftung Berlin-Hohenschönhausen, S. 49 - 51