HASSO HERSCHEL

Fluchthelfer mit Hafterfahrungen

Hasso Herschel war gerade 16 Jahre alt, als er zum ersten Mal verhaftet wurde. Er hatte am Platz der Einheit in Dresden eine Menschenschlange vor einem Kiosk fotografiert und wurde daraufhin für 24 Stunden festgehalten. Der Oberschüler beteiligte sich zwei Jahre später, am 17. Juni 1953, am Volksaufstand auf dem Dresdner Altmarkt und wurde tags darauf um vier Uhr morgens von Mitarbeitern der Staatssicherheit in seiner Wohnung abgeholt. Zusammen mit 20 anderen Jugendlichen musste er sechs Wochen in einer Zelle in Untersuchungshaft sitzen. Nacheinander wurden sie freigelassen, Hasso Herschel verließ die Zelle als vorletzter, ein Prozess wurde ihm nicht gemacht.

Der damals 18-Jährige wurde von der Oberschule verwiesen und war dann als Hemmschuhleger und Rangierer bei der Reichsbahn tätig. Parallel dazu besuchte er die Abendschule, um das Abitur nachzuholen. Seine Bewerbung für ein Studium der Psychologie und Politikwissenschaft wurde abgelehnt. In West-Berlin besorgte er sich ein Stipendium und eine Wohnung, um sich dort für einen Studienplatz bewerben zu können. Das Abitur musste er dafür noch einmal machen und studierte danach offiziell an der Deutschen Hochschule für Politik in West-Berlin.

Aber schon ein Jahr später wurde Hasso Herschel erneut festgenommen – bei einem Besuch seiner Eltern in Dresden. Ihm wurde vorgeworfen, gegen das „Gesetz zum Schutz des innerdeutschen Handels“ verstoßen zu haben, weil er in West-Berlin eine Schreibmaschine, ein Fernglas und eine Kamera verkaufte hatte. Mit dem Geld finanzierte er dort seinen Aufenthalt. Hasso Herschel wurde wegen angeblicher Wirtschaftsverbrechen zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt und nach vier Jahren und sechs Monaten Haft vorzeitig nach Dresden entlassen.

Immer mehr distanzierte sich Hasso Herschel von dem Land, in dem er lebte: „Nun hatte ich schon viel kennen gelernt: Schläge mit viel Blut, Terror und allem Drum und Dran. Da war ich eigentlich so richtig fertig mit dem System.“ Doch er wollte sein Studium beenden und war froh, nach mehr als vierjähriger Trennung durch die Haft wieder mit seinen Eltern zusammenleben zu können. Den Entschluss, nach West-Berlin zu fliehen, fasste er, als er nach dem Mauerbau 1961 als Student an der Verkehrshochschule eine Verpflichtung unterschreiben sollte, sich freiwillig für die NVA zu melden. Mit Freunden gab er sich das Versprechen, wer zuerst geht, kümmert sich um die anderen. Am 21. Oktober 1961 überquerte Hasso Herschel mit einem Schweizer Pass, den ihm West-Berliner Studenten beschafft hatten, die Grenze. Sofort sah er sich nach Fluchtmöglichkeiten für seine Schwester und deren Familie um.

Gemeinsam mit anderen Studenten grub er einen Tunnel von einem Fabrikgelände in der Bernauer Straße 78 unter der Mauer hindurch zu einem Keller in der Schönholzer Straße 7. Seine Aufgabe war es außerdem, die Benachrichtigung der Flüchtlinge in Ost-Berlin zu organisieren. Er legte Parolen und Erkennungszeichen fest und regelte den Ablauf. Am 14. und 15. September 1962 konnten 29 Menschen durch diesen Tunnel nach West-Berlin fliehen, darunter seine Schwester mit ihrem Mann und der kleinen Tochter.

Im Winter gruben die Fluchthelfer einen zweiten Tunnel aus dem gleichen Fabrikkeller in die Brunnenstraße 45. Als die Gruppe im Februar 1963 den Durchbruch wagte, stellte sie bestürzt fest, dass sie in einem Lichtschacht auf dem Hof herausgekommen war. Der Schacht war mit einem Gitter abgedeckt, so dass man den Durchbruch vom Hof aus nicht gleich sehen konnte. Ein Kurier wurde auf die Ost-Seite der Stadt geschickt, um zu prüfen, wo man gelandet war. Die Tunnelbauer stoppten vorerst ihre Arbeit, die Kuriere informierten die Flüchtlinge von dem zeitlichen Aufschub – ahnten jedoch nicht, dass es bereits erste Verhaftungen gab.

Vier Tage später wagte Hasso Herschel einen zweiten Durchbruchversuch, diesmal im Keller der Brunnenstraße 45. Durch ein kleines Loch versuchte er minutenlang, die Lage zu erkennen. Als er schließlich Geräusche und Personen bemerkte, zog er sich ganz leise zurück in den Tunnel, „dann bin ich wie eine Rakete zurück geschossen“. Die Aktion musste abgebrochen werden. Die Staatssicherheit stand bereits Keller, in Ost-Berlin wurden etliche der Kuriere und Flüchtlinge verhaftet und zu mehreren Jahren Haft verurteilt.

Hasso Herschel verhalf bis 1972 durch professionelle Fluchthilfe - mit umgebauten Autos, durch Unterstützung von Diplomaten und über den Fernlastverkehr von Ungarn nach Österreich - vielen weiteren Menschen zur Flucht. Heute lebt er in Brandenburg.

Ausführliche Biographie als pdf. [PDF, 50,00 KB]

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Hasso Herschel

Fluchthelfer Hasso Herschel,
1962, Foto: privat

O-TON

Der Tunneldurchbruch zur Brunnenstraße 45

Aus einem Zeitzeugeninterview, 11. September 2001, Gedenkstätte Berliner Mauer

LITERATUREMPFEHLUNG

Nooke, Maria: Der verratene Tunnel. Geschichte einer verhinderten Flucht im geteilten Berlin. Edition Temmen, Bremen 2002