JOACHIM NEUMANN

Diesem Staat kehrst Du den Rücken

Joachim Neumann wurde 1939 in Friedrichshain geboren und wuchs in Berlin auf. Für sein Studium des Bauingenieurwesens zog er nach Cottbus. Die Marschier- und Schießübungen, die von den Studierenden durchgeführt werden mussten, schwänzte er regelmäßig. Als er und seine Kommilitonen nach dem Mauerbau eine Verpflichtung unterschreiben sollten, den Staat jederzeit mit der Waffe zu verteidigen, reifte in ihm der Entschluss, in den Westen zu fliehen. Mit Schweizer Utensilien wie Kinokarte, Kleingeld und Fahrscheinen sowie blond gefärbten Haaren gelang ihm im Dezember 1961 mit Hilfe von West-Berliner Studenten die Flucht über den Bahnhof Friedrichstraße. Er sah dem jungen Mann auf dem Passfoto sehr ähnlich, aber hätte er an der Kontrolle mit Schweizer Dialekt sprechen müssen, hätte er sich verraten. In West-Berlin nahm er sein Studium an der Technischen Universität wieder auf und suchte Kontakt zu Fluchthelfern. Gemeinsam wollten sie Familienangehörigen und Freunden in den Westen verhelfen. Joachim Neumann versuchte in den kommenden Jahren, seiner Freundin die Flucht zu ermöglichen.

Zunächst beteiligte er sich an den Grabungsarbeiten am so genannten Tunnel 29. Seit April 1962 arbeiteten sie zu viert oder fünft in einer Tages- und einer Nachtschicht. Als der Tunnel fast 40 Meter lang war, brach plötzlich Wasser ein. Versuche, das Wasser abzupumpen, scheiterten. Sie nahmen an, dass es sich nur um einen Rohrbruch handeln könne und meldeten diesen beim Tiefbauamt – nach nur kurzer Zeit wurde das Rohr repariert. Weitere Wassereinbrüche, allerdings im Ostteil der Stadt, schienen das Unternehmen scheitern zu lassen. Deshalb verlegten sie den Durchbruch vor und beendeten den Tunnel schon unter der Schönholzer Straße. Joachim Neumanns Freundin war zu der Zeit jedoch im Urlaub, so dass er sie nicht über den früheren Termin informieren konnte. Am 14./15. September gelang 29 Menschen die Flucht.

Schon wenig später arbeitete die Gruppe am nächsten Tunnel. Im Februar 1963 kam sie im Keller der Brunnenstraße 45 an. Als sie den Tunnel öffneten stand die Staatssicherheit bereits Keller. In Ost-Berlin wurden mehrere Leute verhaftet, darunter Joachim Neumanns Freundin. Sie wurde nach acht Monaten Untersuchungshaft zu knapp zwei Jahren Haft verurteilt. Auch seine Mutter kam wegen angeblicher Aufforderung zur Republikflucht für zwei Jahre ins Gefängnis.

Joachim Neumann musste sich wieder intensiver um sein Studium kümmern, wollte aber die Mitarbeit an weiteren Fluchthilfeaktionen nicht aufgeben. Er beteiligte sich auch an den Grabungsarbeiten, von einer Bäckerei in der Bernauer Straße 97 zur Strelitzer Straße 54. Der Tunnel endete unerwartet nicht in einem Keller, sondern auf einem Kohlenplatz. Damit war die Tunnelöffnung gut einsehbar und es wäre zu gefährlich gewesen, die Fluchtaktion weiter laufen zu lassen. Dennoch gelang drei Frauen durch diesen Tunnel die Flucht nach West-Berlin – die Kuriere, die sie vom Abbruch der Aktion informieren sollten, hatten sie nicht mehr rechtzeitig angetroffen. Am nächsten Tag beratschlagten die Fluchthelfer noch, wie sie weiter verfahren sollten, als im Tunnel plötzlich ein mächtiger Knall zu hören war, eine Druckwelle schleuderte sie zurück. Von Ost-Berliner Seite war eine Sprenggranate mit Tränengas eingeworfen worden.

Joachim Neumanns Freundin war noch in Haft. Er musste seinen Kontakt zur Fluchthilfegruppe halten und arbeitete von April bis Oktober 1964 nochmals an einem Tunnel von der Bernauer Straße zu Strelitzer Straße 55 mit, der später als legendärer „Tunnel 57“ bekannt wurde. Am 3. Oktober 1964 sollte die Fluchtaktion beginnen. Joachim Neumann musste an diesem Samstagvormittag noch eine Klausur schreiben. Als er in seine Wohnung zurückkehrte, entdeckte er einen Brief von seiner Freundin. Sie schrieb, dass sie vorzeitig aus der Haft entlassen und nun wieder in Berlin sei. Joachim Neumann musste in drei Stunden zur Öffnung im Tunnel sein und konnte so schnell keinen Kurier finden. Er bat einen Freund um Hilfe und eilte in die Bernauer Straße. Seine Aufgabe war es, die Flüchtlinge am Tunneleingang auf der Ost-Berliner Seite zu empfangen. Zu fortgeschrittener Stunde stand tatsächlich seine Freundin vor ihm. Sie war eine von 57 Menschen, denen bei dieser Aktion in zwei Nächten zur Flucht verholfen wurde.

Joachim Neumann und seine Freundin heirateten 1965. Nun konnte er an seine berufliche Karriere denken. Er war in leitender Position im Verkehrsbau tätig und plante als Tiefbauspezialist 60 Tunnel; sein größtes Projekt war der Tunnel unter dem Ärmelkanal.

Anna von Arnim

Ausführliche Biographie als pdf. [PDF, 60,00 KB]

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Joachim und Christa Neumann, 1965

Joachim und Christa Neumann 1965, Foto: privat

O-TON

Joachim Neumann über den Tunnel am Kohlenplatz

Der "Tunnel 57“ und die Flucht seiner Frau

Aus einem Zeitzeugeninterview, 8. und 10. Mai 2001, Gedenkstätte Berliner Mauer

LITERATUREMPFEHLUNG

Nooke, Maria: Der verratene Tunnel. Geschichte einer verhinderten Flucht im geteilten Berlin. Edition Temmen, Bremen 2002

Todesschüsse vor Tunnel 57, in: Müller, Bodo: Faszination Freiheit. Die spektakulärsten Fluchtgeschichten, 5. Aufl., Berlin 2008, S. 75-102

Henseler, Thomas und Buddenberg, Susanne:
Tunnel 57 - Eine Fluchtgeschichte als Comic. Mit Beiträgen von Maria Nooke sowie René Mounajed und Stefan Semel
Berlin 2013, Ch. Links Verlag