JOACHIM RUDOLPH

Tunnelbauten in der Bernauer Straße

Mit dem Mauerbau standen Joachim Rudolphs Lebenspläne schlagartig zur Disposition. Der Student wollte von der Verkehrshochschule an die Technische Hochschule Dresden wechseln, um dort Nachrichtentechnik, Kybernetik und Informationstheorie zu studieren. Unmittelbar zuvor getroffene Regelungen im sozialistischen Wirtschaftsblock, dem RGW, zur Aufteilung von Wirtschaftszweigen auf bestimmte Länder machten den Studienplatzwechsel zunichte. Auch hörte er von anderen Studenten, dass sie sich freiwillig zum Armeedienst verpflichten mussten, um weiter studieren zu können. Joachim Rudolph ließ sich daraufhin exmatrikulieren und beschloss, nach West-Berlin zu flüchten.

Auf der Suche nach einer Fluchtmöglichkeit erkundete Joachim Rudolph gemeinsam mit einem Freund wochenlang die Grenzanlagen. Im September 1961 wagten die beiden die Flucht: In einer finsteren Nacht krochen sie im Norden von Berlin, von Schildow kommend, durch dass Tegeler Fließ über die Grenzsperren Richtung Lübars.

In West-Berlin setzte Joachim Rudolph sein Studium an der Technischen Universität fort. Dort lernte er andere Studenten kenne, die nach neuen Fluchtmöglichkeiten für Freunde und Verwandte suchten. Er gehörte zu den ersten fünf Fluchthelfern, die einen Tunnel unter der Bernauer Straße hindurch Richtung Ost-Berlin zu graben begannen. Zu ihnen gehörten die Italiener Domenico Sesta und Luigi Spina, wenig später auch der aus Dresden stammende Hasso Herschel und sein durch die Kanalisation geflüchteter Freund Ulrich Pfeifer. Unter großen Anstrengungen gruben die jungen Männer monatelang einen Stollen, der gerade mal einen Meter hoch war. Mehrere Wassereinbrüche ließen das Unternehmen beinahe scheitern. Deshalb beteiligte sich Joachim Rudolph mit einigen anderen Fluchthelfern gleichzeitig bei der Öffnung eines Tunnels in der Kiefholzstraße, der von einer anderen Gruppe vorbereitet worden war. Am 14. September 1962 war es dann aber auch in der Bernauer Straße so weit: Joachim Rudolph gehörte zu den Fluchthelfern, die den Tunnel auf der Ost-Berliner Seite öffneten und die Flüchtlinge in Empfang nahmen. An zwei Tagen krochen 29 Menschen, unter ihnen sogar ein Säugling und mehrere Kleinkinder, durch den Tunnel glücklich in den Westen.

Joachim Rudolph beteiligte sich unmittelbar nach dieser erfolgreichen Fluchtaktion an den Grabungsarbeiten für einen weiteren Tunnel, der von dem gleichen Fabrikgebäude in der Bernauer Straße 79 Richtung Brunnenstraße 45 führte. Dieser Tunnel wurde jedoch von einem Spitzel verraten und zahlreiche Flüchtlinge und einige der Fluchthelfer, die als Kuriere in Ost-Berlin unterwegs waren, verhaftet.

Am ersten Jahrestag des Mauerbaus unterstützte Joachim Rudolph eine Protestaktion von Studenten. Mittags um 12:00 Uhr wurde auf dem gesamten S-Bahnring der Verkehr lahm gelegt, indem zur gleichen Zeit in den verschiedensten Zügen, die der DDR-Reichsbahn gehörten, die Notbremse gezogen wurde. Obwohl die Aktion in West-Berlin große Sympathien weckte, erhielt Joachim Rudolph eine Strafbescheid wegen groben Unfugs. Bahnangestellte der DDR hatten ihn erwischt, festgehalten und den West-Berliner Behörden übergeben.

Strafbescheid der West-Berliner Polizei wegen der Teilnahme an der S-Bahn-Aktion zum 13. August 1962 [PDF, 7,0 MB]

Ausführliche Biographie als pdf [PDF, 60,00 KB]

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Joachim Rudolph

Joachim Rudolph, Foto: privat

O-TON

Joachim Rudolph über die Öffnung des "Tunnels 29"

Aus einem Zeitzeugeninterview vom 10. Januar 2001, Gedenkstätte Berliner Mauer

LITERATUREMPFEHLUNG

Nooke, Maria: Der verratene Tunnel. Geschichte einer verhinderten Flucht im geteilten Berlin. Edition Temmen, Bremen 2002