Mein Bruder wurde an der Grenze erschossen
Die Familie von Jürgen Litfin lebte im Ost-Berliner Stadtteil Weißensee. Sein Bruder Günter hatte jedoch eine Anstellung als Schneider in West-Berlin gefunden.

Am 24. August 1961, elf Tage nach Abriegelung der Grenze, versuchte Günter Litfin schließlich, in der Nähe der Charité durch den Osthafen nach West-Berlin zu schwimmen. Dabei wurde er von Angehörigen der Transportpolizei entdeckt und beschossen. Günter Litfin war der erste Flüchtling, der an der Grenze durch Schüsse getötet wurde. Sein Bruder Jürgen hörte am nächsten Morgen von einem Arbeitskollegen, an der Grenze wäre jemand erschossen worden. „Hauptsache das ist nicht mein Bruder, der war die Nacht über nicht zu Hause.“, äußerte er spontan. Am Abend des 25. August wurde Jürgen Litfin vom Staatssicherheitsdienst der DDR festgenommen und bis um drei Uhr früh morgens verhört. Erst später ließ man ihn laufen. Nach Hause zurückgekehrt, erfuhr er vom Tod seines Bruders.
Biographie des Bruders von Jürgen Litfin, der an der Grenze erschossen wurde [PDF, 30,00 KB]
Als 1962 die allgemeine Wehrpflicht in der DDR eingeführt wurde, gehörte Jürgen Litfin zum ersten Jahrgang, der gemustert wurde. Doch er hatte eine eindeutige Position zum Dienst in der NVA und äußerte: „Ihr glaubt doch nicht, dass ich die Waffe in die Hand nehme, wo ihr meinen Bruder erschossen habt." Die Einberufung zum Wehrdienst blieb ihm erspart.
Jürgen Litfin war nicht bereit, sich dem SED-System bedingungslos unterzuordnen. Eine Flucht in den Westen war ihm jedoch zu riskant. 1976 stellte er einen Ausreiseantrag mit der Begründung der Familienzusammenführung, denn seine Mutter war als Rentnerin nach West-Berlin zu seinem anderen Bruder gezogen. Auch ein zweiter Antrag auf Ausreise wurde abgelehnt und Jürgen Litfin unter Druck gesetzt. So versuchte er, trotz vieler Schwierigkeiten, für sich und seine Familie ein Haus zu bauen und seiner Tochter eine eigene Wohnung einzurichten. Als er 1980 einem Ausreiseantragsteller die Möbel abgekauft hatte, wurde er wegen angeblicher Beihilfe zur Flucht verhaftet. Nach dreimonatiger Stasi-Untersuchungshaft in Berlin-Pankow wurde er wegen Mitwisserschaft zu zehn Monaten Haft verurteilt, seine Frau bekam eine Bewährungsstrafe von einem Jahr ausgesprochen. Im September 1981 wurde Jürgen Litfin von der Bundesrepublik aus der Haft freigekauft. Seine Frau durfte nach Ablauf der Bewährungsstrafe im Dezember 1981 die DDR verlassen.
Heute betreibt Jürgen Litfin in einem der letzten Grenzwachtürme eine Gedenkstätte für seinen Bruder Günter. Die Gedenkstätte liegt am Spandauer Schifffahrtskanal zwischen dem Invalidenfriedhof und dem Bundeswehrkrankenhaus, nicht weit entfernt vom Humboldthafen, wo sein Bruder bei seinem Fluchtversuch getötet wurde.
Abbildungsnachweis: Familie Litfin, 1942, Foto: privat


