MANFRED WITT

Kindheit an der Sektorengrenze

Spielplätze gab es für die Kinder an der Bernauer Straße nicht, „die Trümmer waren unsere Abenteuerspielplätze“, erinnert sich der in West-Berlin aufgewachsene Manfred Witt an seine Kindheit. In der Nähe des heutigen Friedrich-Ludwig-Jahn-Stadions hat er mit seinen Freunden Drachen steigen lassen, auf den großen, von den Trümmern frei geräumten Plätzen spielten sie immer Fußball. Seit seinem ersten Lebensjahr, seit 1946, lebte er zusammen mit seiner Mutter, seinen Großeltern und seinem Onkel in einer Wohnung auf der West-Berliner Seite der Bernauer Straße in der Nummer 66/67. Das Haus lag direkt gegenüber den Grenzhäusern, die bereits zu Ost-Berlin gehörten, zwischen der Wolliner und der Swinemünder Straße. 1960 zog die Familie in die Wolgaster Straße 9, von dort aus hatten sie die Bernauer Straße direkt vor Augen.

Manfred Witt war neun Jahre alt, als am 17. Juni 1953 die Panzer kamen und sich auf dem Arkonaplatz und in den Seitenstraßen der Bernauer Straße positionierten. Er spielte mit seinen Freunden auf der Straße, als sie eine große Ansammlung wütender und aufgebrachter Menschen an der Swinemünder Brücke sahen. Sie beobachteten, wie die Polizisten an den Grenzübergängen Ketten bildeten. Am nächsten Morgen war Totenstille. Doch der neugierige West-Berliner Junge durfte in einen der Panzer klettern, die russischen Soldaten halfen ihm dabei. Nach zwei Tagen waren die Panzer wieder abgefahren.

Auf der Ostseite rund um die Bernauer Straße befanden sich zahlreiche Geschäfte. Dort gab es eine Drogerie, ein Schreibwarenladen, den Gemüsehändler Schulz, den Fleischer Boot, einen Seifenladen und ein Eiscafé. An der Stralsunder Straße Ecke Bernauer Straße war später ein Kaufhaus, das für ihn als kleiner Junge etwas ganz Besonderes war. Wenn seine Oma einkaufen ging, begleitete Manfred Witt sie. Oft sah er mit seinen Freunden Westfilme im Vinetakino oder im Atlantik am Brunnenplatz.

An einem 1. Mai besuchte er ein Fest auf dem im Ost-Berliner Stadtteil Mitte gelegenen Arkonaplatz. Die Fanfarenbläser waren Junge Pioniere, die begeistert von ihren Aktivitäten erzählten und ihn fragten, ob er zu ihnen kommen wolle. Er bekam einen Pionierausweis, den der West-Berliner Junge listig einzusetzen wusste, als er in einem Ost-Berliner Grenzgeschäft Bouletten kaufen wollte. Die Verkäuferin erkannte ihn und sagte: „Mensch, du Schlawiner, du kommst doch aus dem Westen.“ Sie lachte über ihn – und verkaufte ihm die Bouletten. Geld verdienten sich die Jungs mit dem Verkauf von Papier und Gusseisen. Sie kletterten auf den Trümmern und Ruinengrundstücken und sammelten die Platten und Ringe von den alten Kochmaschinen. Für ein Kilo Gusseisen bekamen sie zwölf Pfennig. Dabei achteten sie darauf, nicht in bestimmte Straßen zu geraten, in denen andere Cliquen spielten, denen sie lieber nicht begegneten. Seine Mutter kontrollierte die Sachen, die er von draußen mit in die Wohnung brachte. Einmal musste sie eine Pistole und sogar eine Handgranate entsorgen. Aufregend war für Manfred Witt immer das Fahren mit der Ringbahn. Er und seine Freunde holten aus den Holzkästen am Bahnsteig die Doppelfahrkarten wieder heraus, auf denen nur eine einfache Fahrt genutzt worden war. Damit fuhren sie ihre Runden und handelten sich so regelmäßig Ärger mit den Zugabfertigern ein.

Am Morgen des 13. Augusts 1961 lief Manfred Witt wie gewohnt zur Swinemünder Straße, um eine Zeitung zu kaufen. Plötzlich sah er Menschen, die weinten und mit Taschentüchern winkten, daneben entdeckte er Volkspolizisten. Sie begannen damit, den Stacheldraht entlang der Sektorengrenze auszurollen. Die Menschen versuchten an diesem und an den folgenden Tagen aus den Grenzhäusern zu fliehen, kletterten über die Dächer oder sprangen aus den Fenstern und landeten in den Sprungtüchern der Feuerwehr, die sich in den Seitenstraßen bereit hielt. Hubschrauber flogen immer wieder an der Grenze entlang und über die mobilen Lautsprecheranlagen des Studios am Stacheldraht schallten Nachrichten über die Bernauer Straße. In diesen Tagen sammelten sich auf der West-Berliner Seite viele Zuschauer, die Leitertritte mitbrachten, um über die Absperrungen sehen zu können. Oft wurden die DDR-Grenzpolizisten nur durch die Reaktionen der Menschen auf der Westseite auf Fluchtversuche aufmerksam.

Manfred Witt lebte bis 1973 in der Wolgaster Straße nahe der Mauer. Am 9. November 1989 saß er in seiner neuen Wohnung in Reinickendorf gerade vor dem Fernseher, als er die Nachricht von der Maueröffnung hörte. Zusammen mit seiner Frau fuhr er gleich in die Bernauer Straße. Die Ost-Berliner waren „vollkommen aus dem Häuschen“, als ein Kranwagen an der Ecke zur Schwedter Straße ein Mauerelement heraus hob.

Anna von Arnim

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Manfred Witt

Manfred Witt, 2011, Foto: A. v. Arnim, Gedenkstätte Berliner Mauer

O-TON

Erlebnisse als West-Berliner Junge im Ostteil der Stadt

Aus einem Zeitzeugeninterview vom 21. November 2008, Gedenkstätte Berliner Mauer