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FREITAG, 24. JUNI 2016
ANLIEFERUNG EINES ORIGINAL-DDR-WACHTURMS BT6 AUS NITZOW/HAVELBERG ZUR GEDENKSTÄTTE BERLINER MAUER

Berlin, 24. Juni 2016 - Berliner Unterwelten e.V. und Stiftung Berliner Mauer sichern einen Original-Beobachtungsturm BT6, der auf dem früheren Truppenübungsplatz der Nationalen Volksarmee (NVA) in Nitzow/Havelberg in Sachsen-Anhalt stand und abgerissen werden sollte. Am Freitag, 24. Juni 2016, wurde der in sieben Teile zerlegte Turm auf vier Schwertransportern – teils unter Polizeibegleitung – in Berlin angeliefert.

Das Vorhaben zur Sicherung des Wachturms geht auf Dirk Mundry, Mitglied im Berliner Unterwelten e.V., zurück, der in Havelberg seinen Wehrdienst absolviert hat. Er hatte von dem geplanten Abriss erfahren und wollte den Turm retten. In Folge kümmerte er sich um die Abwicklung gemeinsam mit dem Bundeswehr-Management, der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BIMA) sowie den Standortverantwortlichen der Bundeswehr Havelberg und des Truppenübungsplatzes Nitzow.

Dietmar Arnold, Vorsitzender im Vorstand des Berliner Unterwelten e.V.: „Wir bedanken uns herzlich bei unserem Mitglied Dirk Mundry für seine Initiative, bei der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, beim Bundeswehr-Management, bei den Standortverantwortlichen der Bundeswehr Havelberg und des Truppenübungsplatzes Nitzow für die Überlassung des Turms sowie natürlich bei der Stiftung Berliner Mauer für die Unterstützung bei der Sicherung und Einlagerung. Ich wünsche mir, dass der Wachturm mittelfristig wieder aufgestellt werden kann. Auch wenn es sich hier nicht um eine unterirdische Anlage handelt, so engagiert sich unser Verein insgesamt sehr stark im Denkmalschutz und in der Vermittlung der Geschichte vor allem des 20. Jahrhunderts. Mit dem Wachturm gibt es die einmalige Gelegenheit, für die Gedenkstätte Berliner Mauer ein originales Großexponat zu bewahren.“

Prof. Dr. Axel Klausmeier
, Direktor der Stiftung Berliner Mauer: „Es erweist sich als großes Glück, dass wir mit unserem Lapidarium die Möglichkeit haben, große, originale Elemente der Berliner Mauer aufzunehmen und so vor der Zerstörung zu retten. Der Turm ist für uns wichtig, weil hier in der Bernauer Straße in den 1970er Jahren ein solcher Turm gestanden hat und es sich dabei um eines der charakteristischsten Symbole der gesamten Berliner Mauer handelt. Deshalb hat er für uns großen dokumentarischen und wissenschaftlichen Wert. Wir sind dankbar, dass sich der Verein Berliner Unterwelten so für die Sicherung des Turms eingesetzt hat.“

Zahlen und Fakten

Höhe des Wachturms: ca. 11 Meter
Höhe der Kanzel (mit Geländer und Scheinwerfer): ca. 3,9 Meter
Durchmesser der Kanzel: ca. 4,6 Meter
Gewicht der Kanzel: 9,6 Tonnen
Gewicht pro Turmring: 800 bis 1000 kg
Durchmesser der Turmringe: ca. 1,4 Meter

Abbau und Logistik

Die Kanzel wurde mittels einer eigens von einer Schlosserei angefertigten Hilfskonstruktion vom Turm abgehoben, im Ganzen verladen und transportiert. Aufgrund seiner Übergröße war für die 130 Kilometer lange Strecke durch drei Bundesländer (Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Berlin) Polizeibegleitung erforderlich. Der Turmkörper selbst war vor dem Transport von einem dreiköpfigen Team in drei Tagen in sieben Segmente zerlegt worden. Diese wurden in zwei Etappen – mit einem Zwischenstopp in
Oranienburg – nach Berlin gebracht. Beide Anlieferungen erfolgten in der Nacht auf den 24. Juni. Der Turm wird bis zu seiner späteren Nutzung im sogenannten Lapidarium an der Gartenstraße zwischengelagert.

Das Zwischenlager – Lapidarium

Das Lapidarium der Gedenkstätte ist gewöhnlich nur für Fachpublikum zugänglich. Dort sind eine Vielzahl baulicher Objekte der unterschiedlichen Grenzelemente gelagert – von Fahrzeugsperren bis hin zum „Stalinrasen“, von Betonfertigteilen der „Grenzmauer 75“ bis hin zu Hohlblocksteinen, mit denen während der Grenzschließung Häuserfassaden an der Bernauer Straße zugemauert wurden. Dr. Günter Schlusche ist als Planungs- und Baukoordinator der Gedenkstätte für das Lapidarium verantwortlich.

Initiator

Seit 1997 erforscht, dokumentiert und erschließt der gemeinnützige Berliner Unterwelten e.V. mit seinen derzeit 470 Mitgliedern unterirdische Anlagen in Berlin. Um einer breiten Öffentlichkeit Einblick in die tiefliegenden Bauwerke zu ermöglichen, werden regelmäßig verschiedene Infotouren angeboten. Der Schwerpunkt liegt dabei im Bereich Luftschutz des Zweiten Weltkrieges, aber auch Anlagen ohne militärischen Hintergrund wie Exponate der innerstädtischen Rohrpost, unterirdische Brauerei-Relikte oder
unvollendete U-Bahnhöfe werden den Besuchern zugänglich gemacht. 2006 wurde der Berliner Unterwelten e. V. mit der Silbernen Halbkugel, dem Deutschen Nationalpreis für Denkmalschutz, ausgezeichnet. Ein Forschungsschwerpunkt sind die unterirdischen Fluchten nach dem Mauerbau. Hunderte Flüchtlinge kamen durch die Verkehrstunnel oder die Kanalisation in die Freiheit nach West-Berlin, bisher sind zudem 75 Fluchttunnelprojekte bekannt geworden. Seit 2011 baut der Verein als Nachbar der Gedenkstätte Berliner Mauer zu diesen Themen auch einen Standort nahe der Bernauer Straße in den Gewölben der einstigen Oswald-Berliner-Brauerei aus und bietet dort Führungen an.

Kooperationspartner

Zweck der 2009 gegründeten Stiftung Berliner Mauer ist es, die Geschichte der Berliner Mauer und der Fluchtbewegungen aus der Deutschen Demokratischen Republik als Teil und Auswirkung der deutschen Teilung und des Ost-West-Konflikts im 20. Jahrhundert zu dokumentieren und zu vermitteln, sowie deren historische Orte und authentische Spuren zu bewahren und ein würdiges Gedenken der Opfer kommunistischer Gewaltherrschaft zu ermöglichen. Mit der Gedenkstätte Berliner Mauer und der
Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde hat sie zwei Standorte.

Die Gedenkstätte Berliner Mauer ist der zentrale Erinnerungsort an die deutsche Teilung mitten in Berlin am ehemaligen Grenzstreifen in der Bernauer Straße. Auf ihrem Areal befindet sich das letzte Stück der Berliner Mauer, das in seiner Tiefenstaffelung erhalten geblieben ist und einen Eindruck vom Aufbau der Grenzanlagen zum Ende der 1980er Jahre vermittelt. Anhand weiterer Reste und Spuren der Grenzsperren sowie der dramatischen Ereignisse an diesem Ort wird exemplarisch die Geschichte der Teilung nachvollziehbar.

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Pressekontakt: Hannah Berger | Stiftung Berliner Mauer
Bernauer Straße 119 | 13355 Berlin
Tel. 030 / 467 9866 61 | E-Mail an die Pressestelle

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