RAINER EPPELMANN

Pfarrer und Regimekritiker

Der 18-jährige Rainer Eppelmann arbeitete als Dachdeckergehilfe, um für seine Mutter und seine beiden kleinen Geschwister Geld zu verdienen. Sein Vater war als Zimmermann in West-Berlin tätig, hatte dort gleichzeitig einen Wohnsitz und einen West-Berliner Pass. Als am 13. August 1961 die Mauer gebaut wurde, trennte sie auch die Familie voneinander. Von nun an war der älteste Sohn verantwortlich für die Familie. Vor dem Mauerbau hatten er und seine Geschwister ein Gymnasium im Westteil der Stadt besucht. Sie hatten Unterricht in einer so genannten Ostklasse, die es Schülern, denen das Abitur in Ost-Berlin verwehrt wurde, ermöglichte, die Reifeprüfung abzulegen. Der 13. August brach ihre Schulzeit ab, bereits im September 1961 mussten sie sich erfassen lassen und wurden als „Grenzgewinnler“ diffamiert. Auch eine Berufsausbildung wurde ihnen zunächst nicht ermöglicht, so dass Rainer Eppelmann auf dem Dach arbeitete, bevor er ein Jahr später eine Lehre zum Maurer anfangen konnte. Die Hoffnung über den Vater einen West-Berliner Pass zu erhalten und den Ostteil verlassen zu können, zerschlug sich schnell – und da war die Familie, die auf ihn angewiesen war. Nach seiner zwei-jährigen Lehre arbeitete er als Maurer in einer PGH (Produktionsgenossenschaft des Handwerks). Viele Bekannte aus dem kirchlichen Laienspielkreis der evangelischen Kirche in Ost-Berlin waren dort ebenfalls tätig.

Rainer Eppelmann wurde zum Armeedienst eingezogen und verweigerte den „Dienst an der Waffe“. Seit dem 7. September 1964 gab es einen Beschluss des Nationalen Verteidigungsrates des DDR, der die Grundlage zur Bildung von Baueinheiten der NVA legte. Die Ausbildung zum Bausoldat war vor allem auf Initiative der Kirchen entstanden und war die einzige Möglichkeit, den Dienst an der Waffe zu verweigern. Rainer Eppelmann erinnert sich, dass mit dem Fahneneid trotz allem der unbedingte Gehorsam gelobt werden sollte. Einem Menschen oder Staat gegenüber absoluten Gehorsam zu versprechen, passte für ihn nicht mit seinem christlichen Glauben zusammen. Sie waren zwei aus ihrer Gruppe, die den Eid nicht ablegten und wurden daraufhin zu acht Monaten Haft verurteilt. Im Militärgefängnis in Ückermünde festigte sich das Bild des 22-Jährigen von der DDR als ein Ort, in dem andere über ihn entschieden – darüber, was er tat genauso wie darüber, ob er raus konnte oder nicht.

Nach seiner Entlassung hatte er noch zehn Monate der Bausoldaten-Ausbildung abzulegen. Ein Studium an einer staatlichen Universität, Fachschule oder Hochschule in der DDR blieb ihm nach seiner Ablehnung des Dienstes an der Waffe verwehrt. Die einzigen guten Erfahrungen in der „zugemauerten DDR“ waren für ihn untrennbar mit der Jungen Gemeinde und der evangelischen Kirche verbunden. So war es für ihn nur konsequent, die Predigerschule Paulinum zu besuchen. Sie war eine von zwei theologischen Fachschulen in der DDR, an denen ein Theologiestudium bezogen auf das Gemeindepfarramt abgelegt werden konnte. Dieses Studium war aus der Not entstanden, nicht genug Pfarrer in der DDR zu haben, ermächtigte aber nicht zu einer wissenschaftlichen Laufbahn. In den fünf Jahren seines Studiums heiratete Rainer Eppelmann und bekam zwei Kinder. Danach wurde er Pfarrer und später auch Kreisjugendpfarrer in der Samaritergemeinde in Friedrichshain.

Als Pfarrer erzählten ihm die Gemeindeglieder von den Schwierigkeiten und Ungerechtigkeiten ihres Lebens in der DDR. „Mit jedem dieser Schicksale ist die Abneigung, die Verachtung diesem Regime gegenüber immer stärker geworden“, erinnert er sich heute. Seine Erfahrungen brachten ihn zu der Überzeugung etwas gegen diejenigen tun zu wollen, die Menschen in eine schwierige oder gar entehrende Situation brachten, die andere also dazu bewegten, etwas gegen ihren eigentlichen Willen zu tun. Rainer Eppelmann begann mit einer besonderen Form von Gottesdiensten, aus denen sich die Blues-Messen entwickelten. 1979 fanden sich 250 Teilnehmer zu der Musik, dem Lesen von Bibeltexten und den kleinen politischen Sketchen ein; 1983 waren es 7.000 Menschen aus der ganzen DDR, die sich in die Samariterkirche drängten. Die Regierung sah in den Messen eine „Sabotage der offiziellen Jugendpolitik“, im Herbst 1986 wurden sie verboten. Es bildeten sich Friedensgruppen und andere zentrale Veranstaltungen lösten die Blues-Messen ab.

Von Rainer Eppelmann initiierter "Berliner Appell - Frieden schaffen ohne Waffen", der im Westen veröffentlicht wurde und zu seiner Verhaftung führte, 25. Januar 1982 [JPG, 1,2 MB]

Rainer Eppelmann gehörte zu den bekanntesten Mitgliedern kirchlicher Friedens- und Menschenrechtsgruppen und war Anfang Oktober 1989 Mitbegründer der Oppositionspartei „Demokratischer Aufbruch“. 1990 wurde er Minister ohne Geschäftsbereich in der von Hans Modrow geführten Regierung und nach der ersten freien Wahl vom 18. März 1990 Minister für Abrüstung in der Regierung von Ministerpräsident Lothar de Maizière. Bis 2005 war er Abgeordneter des Deutschen Bundestages.

Anna von Arnim

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Rainer Eppelmann

Rainer Eppelmann, 2007, Foto: Seyerlein

Rainer Eppelmann

Vor der Samariterkirche in Berlin, 9. November 1986, Foto: Klaus Mehner, Bundesstiftung Aufarbeitung

O-TON

Wichtige Begegnungen in der Gemeinde

Blues-Messen in der Kirche

Der 9. November 1989 am Grenzübergang Bornholmer Straße

Aus einem Zeitzeugeninterview, 9. Februar 2001, Gedenkstätte Berliner Mauer

LITERATUREMPFEHLUNG

Robert-Havemann-Gesellscahft (Hg.): Gesichter der Friedlichen Revolution, Berlin 2011

Eppelmann, Rainer: Fremd im eigenen Haus. Mein Leben im anderen Deutschland, Köln 1993

Ders.: Gottes doppelte Spur. Vom Staatsfeind zum Parlamentarier, Witten 2007