REGINE HILDEBRANDT

Leben zwischen zwei Welten

Regine Hildebrandt wurde als "Mutter Courage des Ostens" berühmt. Die promovierte Biologin engagierte sich 1989 in der Bürgerbewegung „Demokratie jetzt“ und trat wenig später in die neu gegründete Sozialdemokratische Partei der DDR, die SDP ein. Als Abgeordnete der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR wurde sie im April 1990 Ministerin für Arbeit und Soziales im Kabinett von Lothar De Maiziere. Nach der Wiedervereinigung kandidierte sie im Oktober 1990 erfolgreich für den Landtag im neu gebildeten Land Brandenburg und wurde zur Ministerin für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Frauen berufen. Dieses Amt, dessen Ausübung ihr überaus große Popularität einbrachte, hatte sie bis 1999 zum Ende der zweiten Legislaturperiode inne. Sie verstarb im Jahr 2001.

Kindheit und Jugend verbrachte Regine Hildebrandt in der Bernauer Straße im Herzen Berlins. Die Straße wurde nach Ende des Zweiten Weltkrieges im Zuge der Aufteilung Berlins durch die Alliierten Besatzungsmächte zu einer geteilten Straße. Die Häuser auf der südöstlichen Straßenseite gehörten zum sowjetischen Sektor und damit zu Ost-Berlin – Gehweg, Straße und Häuserzeile auf der gegenüberliegenden Straßenseite lagen dagegen im französischen Sektor, in West-Berlin. Die Grenze verlief hier direkt entlang der Häuserfassade der zu Ost-Berlin gehörenden Gebäude. In einem dieser Grenzhäuser, im Erdgeschoss der Bernauer Straße 2, wohnte die Familie des Pianisten Radischewski. Wie viele Bewohner der geteilten Straße waren auch die Radischewskis Wanderer zwischen Ost und West. Denn die Sektorengrenze wurde zwar kontrolliert, war aber nicht abgesperrt. Außerdem führte jeder Schritt aus der Haustür automatisch in den Westen. So beeinflusste diese besondere Situation den Alltag der Anwohner. Besuche im Vox-Kino auf der anderen Straßenseite gehörten genauso zu den alltäglichen Gewohnheiten wie die Lektüre des West-Berliner Tagesspiegel oder der Einkauf auf der belebten Brunnenstraße. Regine Radischewski besuchte bis zur 6. Klasse die um die Ecke im Westen gelegene Grundschule an der Strelitzer Straße. Als den Eltern von den DDR-Behörden berufliche Konsequenzen angedroht wurden, musste Regine auf eine Ost-Schule wechseln – und lernte die Unterschiede zwischen den beiden Schulsystemen direkt kennen. Der Schulalltag war nun durch Fahnenappelle und Aktivitäten der Pioniere geprägt, eine wichtige Rolle spielte die FDJ, die Jugendorganisation der Einheitspartei SED. Fremde Begriffe wie „Zentralkomitee“ sollte sie kennen und nicht mehr Französisch lernen, sondern Russisch sprechen. Obwohl sie weder in die Pionierorganisation eintrat noch später Mitglied der FDJ wurde, konnte sie ihr Abitur am Max-Planck-Gymnasium ablegen und ein Studium aufnehmen. Sie war engagiertes Mitglied der Jungen Gemeinde in der Versöhnungsgemeinde, deren Zentrum zwei Grundstücke neben dem Wohnhaus der Radischewskis lag. Ihre besten Freunde waren die gleichaltrigen Söhne des Pfarrers, einen von ihnen heiratete sie später.

Vom Mauerbau am 13. August 1961 erfuhr Regine Hildebrandt während eines Ferienaufenthalts in Dresden. Um sich ein Bild von der Situation zu machen, trampte sie nach Berlin zurück. Als Anwohnerin kam sie trotz Absperrungen in die Bernauer Straße und feierte am nächsten Tag sogar die Taufe ihres Patenkindes im Westteil der Stadt mit. Denn aus den Grenzhäusern war der Zugang zur Bernauer Straße immer noch möglich. Dann setzte sie ihren Urlaub in Dresden fort. Ende August nach Hause zurückgekehrt, empfing sie eine abgeschottete Straße: Die Familie wohnte nicht mehr in der bekannten Parterrewohnung, sondern hatte in den ersten Stock der Bernauer Straße Nr. 10 umziehen müssen. Denn die Haustüren der Grenzhäuser waren inzwischen verschlossen, die Wohnungen im Erdgeschoss geräumt worden, die Zugänge nur noch über die Hinterhöfe erreichbar und die Häuser streng bewacht. Doch lange dauerte auch dieser Zustand nicht: Zahlreiche Bewohner seilten sich durch ihre Fenster in den Westen ab oder sprangen in die bereitgehaltenen Sprungtücher der West-Berliner Feuerwehr. Um diese Fluchtmöglichkeit zu unterbinden, erfolgte im September 1961 eine Zwangsräumung der Grenzhäuser durch Betriebskampfgruppen der DDR. Mehr as 2.000 Menschen verloren so ihre Wohnung und wurden aus ihrem althergebrachten Lebensumfeld verdrängt.

Regine Hildebrandt blieb Zeit ihres Lebens mit der Bernauer Straße verbunden. Alljährlich ging sie mit ihrem Mann und den drei Kindern in die Nähe des Grenzgebiets an der Bernauer Straße, um sich die Ungeheuerlichkeit der Teilung bewusst zu machen. Als im Januar 1985 die Versöhnungskirche gesprengt wurde, gelang es ihr, aus einem Wohnhaus in der Rheinsberger Straße den Fall des Kirchturmes heimlich zu fotografieren.


Dass die Nacht des 9. November 1989 für sie zu einem überwältigenden Erlebnis wurde, ist vor dem Hintergrund ihrer persönlichen Geschichte kein Wunder, sondern eine beglückende Erfahrung.

Maria Nooke

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Dr. Regine Hildebrandt

Dr. Regine Hildebrandt

O-TON

Grenzsituation in der Bernauer Straße

Alltag vor dem Mauerbau

Erlebnisse am 9. November 1989

Aus einem Zeitzeugeninterview vom 22. April 1999, Gedenkstätte Berliner Mauer

LITERATUREMPFEHLUNG

Hildebrandt, Jörg (Hg.): Regine Hildebrandt. Erinnern tut gut: Ein Familienalbum, Berlin 2008