ROSEMARIE PLATZ

Eine folgenschwere Begegnung

Eine Begegnung auf dem S-Bahnhof Friedrichsstraße und eine gemeinsame Fahrt durch West-Berlin hatten schicksalhafte Bedeutung für das Leben von Rosemarie Platz. Es dauerte nicht lange, da hatte der junge West-Berliner Medizinstudent das Herz der Krankengymnastin aus Ost-Berlin erobert. Es folgten glückliche Monate, bis das junge Paar jäh durch den Mauerbau auseinandergerissen wurde.

Die Abriegelung der Sektorengrenze hatte für viele Menschen katastrophale Auswirkungen. Eine verzweifelte Situation, aus der es keinen Ausweg zu geben schien. Rosemarie Platz bemerkte in den Tagen nach dem 13. August, dass der eine oder die andere ihrer Kollegen aus der Charité plötzlich nicht mehr zur Arbeit erschienen. Als sie eines Tages angesprochen wurde, weshalb sie denn eigentlich noch hier wäre, war der Entschluss gefasst: Rosemarie Platz suchte ebenso eine Fluchtmöglichkeit.

Ein erster Versuch, den Weg über die Grenzanlagen auf dem Sophienfriedhof an der Bernauer Straße zu wagen, stellte sich als zu gefährlich heraus. Grenzposten patrouillierten auf dem Gelände, es hatte schon zahlreiche Festnahmen gegeben. Rosemarie Platz bekam jedoch den Tipp, es durch die Hinterhöfe zur Bernauer Straße zu versuchen. Mit Herzklopfen näherte sie sich dem ersten Posten, der den Zugang an der Brunnenstraße kontrollierte. Doch hier und auch an der gegenüberliegenden Seite wurde sie abgewiesen. Erst der dritte Kontrollposten an der nächsten Querstraße ließ sich erweichen: Denn Rosemarie Platz erzählte ihm glaubhaft, sie hätte einen Termin bei einer bettlägerigen Patienten, und wies sich mit ihrem Ausweis der Charité aus. In den Hauseingängen der Schönholzer Straße standen bewaffnete Posten, nur ein Haus war unbewacht. Zielstrebig steuerte Rosemarie Platz dieses Gebäude an, betrat den Hof und musste feststellen, dass die Zugänge Richtung Bernauer Straße bereits vermauert waren. Ein Zurück gab es nicht mehr. Mit Hilfe von Bewohnern des Grenzhauses wurde ihr eine leer stehende Wohnung geöffnet und hinter ihr wieder verschlossen. Niemand durfte die Hilfeleistung bemerken, denn darauf standen hohe Strafen.

Rosemarie Platz begab sich ans Fenster und sprang, ohne auf Hilfe durch die West-Berliner Feuerwehr zu warten, aus der in der 1. Etage auf die Bernauer Straße. Unter großer Anspannung, aber ohne schwerwiegende Verletzungen konnte sie am späten Abend ihren Freund überraschen. Nach stundenlangem Warten war er gerade enttäuscht vom Checkpoint Charlie zurückgekommen. Denn dort hatten sich die beiden verabredet, um sich über die Sperranlagen sehen zu können. Das war nun nicht mehr nötig – ein neues, gemeinsames Leben konnte beginnen.

Mutter und Bruder waren im Osten verblieben, sie berichteten der jungen Frau von den Schwierigkeiten, die sie zunehmend hatten. Für Rosemarie Platz gab es nur eine Lösung: Sie musste die beiden in den Westen holen. Zu Weihnachten 1964 fuhren sie und ihr Freund nach Italien, angeblich zur Hochzeit einer Freundin. Rosemarie Platz steuerte das Auto, in das sie zuvor ein Versteck eingebaut hatten. Ihr Weg führte sie über Ungarn, wo sie Mutter und Bruder traf. Am Heilig Abend setzte sie ihren Weg über Jugoslawien nach Italien fort, unter der Sitzbank versteckt reiste ihr Bruder mit in den Süden. Auf dem Rückweg von der angeblichen Hochzeit holte sie ihre Mutter ab, um sie über die Grenze nach Österreich zu bringen. Alles lief wie geplant. Rosemarie Platz stand schon am Grenzübergang bei der Ausreisekontrolle, es war ein eiskalter Abend. Der Zufall wollte es, dass einer der Grenzer an die Seitenwand des Autos fasste: Dort war es nicht kalt, sondern auffällig angewärmt. Sofort schöpfte er Verdacht, das Auto wurde genau untersucht und die Mutter im Versteck unter der Rückbank gefunden. Sie hatte ihre Schuhe ausgezogen und sich mit den Füßen an die Seitenwand gestemmt. Die Aufmerksamkeit des Grenzers wurde den beiden zum Verhängnis. Rosemarie Platz, die einen bundesdeutschen Pass besaß, kam vor ein Ungarisches Gericht und wurde zu einem Jahr Zwangsarbeit verurteilt. Ihre Mutter wurde in die DDR zurückgebracht und dort der Prozess gemacht. Ihr Strafmaß lautete vier Jahre Zuchthaus. Als Rosemarie Platz nach einem Jahr entlassen wurde, hatte die Bundesrepublik ihre Mutter, die schwer unter den Haftbedingungen gelitten hatte, bereits freigekauft.

Erst jetzt konnte sich Rosemarie Platz mit ihrem Mann ein gemeinsames Leben aufbauen. Sie hat viel riskiert für ihr Glück. Umso schwerer trifft die Erfahrung einer enttäuschten Liebe.

Maria Nooke

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Rosemarie Platz

Rosemarie Platz, Foto: Maria Nooke

O-TON


Rosemarie Platz erzählt von ihrer Flucht an der Bernauer Straße

Aus einem Zeitzeugeninterview vom 7. Juni 2010, Gedenkstätte Berliner Mauer