ULRICH PFEIFER

Flucht durch die Kanalisation und andere unterirdische Aktivitäten

Nicht nur seine eigene Flucht führte Ulrich Pfeifer durch einen unterirdischen Tunnel. Der Bau von Fluchttunneln zwischen West- und Ost-Berlin beschäftigte ihn bis zu Beginn der 1970er Jahre. Auch heute lässt ihn die Erinnerung an die erfolgreichen, aber auch missglückten Fluchten nicht los.

Ulrich Pfeifer wurde 1935 in Berlin geboren. Sein Abitur machte er 1953 in Gera. Anschließend nahm er ein Studium als Bauingenieur an der Technischen Hochschule Dresden auf. Ab 1960 arbeitete er als Bauingenieur in Ost-Berlin. Seine Mutter und seine Schwester lebten zu dieser Zeit bereits in West-Berlin. Nachdem am 13. August 1961 die Grenze abgeriegelt worden war, wollte er sich mit der Situation nicht abfinden. Am 8. September 1961 gelang ihm die Flucht durch die Kanalisation am Gleimtunnel zwischen den Stadtbezirken Prenzlauer Berg und Wedding in den Westen der Stadt. Als seine Freundin wenige Wochen später auf dem gleichen Weg nach West-Berlin gelangen wollte, war der Fluchtweg bereits verraten. Sie wurde verhaftet und im Dezember 1961 zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt.

Wut und Ohnmacht über die Situation motivierten Ulrich Pfeifer nun, anderen Menschen zur Flucht zu verhelfen. Er arbeitete beim Bau des legendären „Tunnel 29“ in der Bernauer Straße mit, durch den am 14. und 15. September 1962 insgesamt 29 Personen nach West-Berlin flüchten konnten. Im August 1962 hatte er bereits eine andere Fluchthilfegruppe bei der Öffnung eines Tunnels in der Kiefholzstraße unterstützt. Dieser war aber verraten worden, es kam zu zahlreichen Verhaftungen von Flüchtlingen.

Ulrich Pfeifer beteiligte sich an weiteren Tunnelgrabungen in der Bernauer Straße. Dazu gehörte der Tunnel von der Bernauer Straße 79 zur Brunnenstraße 45, der vom Herbst 1962 bis zum Februar 1963 gegraben wurde. Dieser Tunnel konnte durch den Verrat eines Ost-Berliner Spitzels ebenfalls nicht für Fluchten genutzt werden. Auch die letzte Tunnelgrabung an der Kreuzung Bernauer Straße/Brunnenstraße im Jahr 1971 führte nicht zum Erfolg. Wenige Tage vor Fertigstellung des Fluchtweges begannen Grenztruppen der DDR mit Quergrabungen im Grenzstreifen, bis sie auf die Tunnelröhre stießen. Ulrich Pfeifer beobachtete das Vorgehen der Grenztruppen von der Aussichtsplattform an der Brunnenstraße. Dabei wurde er von Angehörigen des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR fotografiert.

Ab 1972 arbeitete Ulrich Pfeifer als selbständiger Bauingenieur in West-Berlin.

Maria Nooke

Ausführliche Biographie als pdf [PDF, 30,00 KB]

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Ulrich Pfeifer

Ulrich Pfeifer, Foto: privat

O-TON

Ulrich Pfeifer erzählt von seiner Flucht durch die Kanalisation

Aus einem Zeitzeugeninterview vom 30. März 2001, Gedenkstätte Berliner Mauer

LITERATUREMPFEHLUNG

Nooke, Maria: Der verratene Tunnel. Geschichte einer verhinderten Flucht im geteilten Berlin. Edition Temmen, Bremen 2002