Sie sind hier: Startseite | Presse

MONTAG, 15. JULI 2013
DAS RICHTIGE THEMA AM FALSCHEN ORT: DER DIREKTOR DER STIFTUNG BERLINER MAUER FORDERT MEHR POLITISCHE VERANTWORTUNG UND FÜRSORGE IM UMGANG MIT DER EAST SIDE GALLERY

Professor Dr. Axel Klausmeier kommentiert in der Berliner Zeitung die künstlerische Erweiterung der East Side Gallery durch eine Fotoausstellung des Berliner Künstlers Kai Wiedenhöfer. Für ihn ist das Problem weniger die Ausstellung als solche als vielmehr der Ort, an dem sie gezeigt wird: „Die künstlerische Auseinandersetzung mit Mauern in der Welt ist überaus wichtig (…). Fraglich ist vielmehr, ob diese Auseinandersetzung gerade auf der der Spree zugewandten Seite der sogenannten East Side Gallery geschehen muss. Denn der künstlerischen Widmung und Formung der East Side Gallery (…) droht (…) die vollständige Unkenntlichkeit. (…) Durch die nunmehr erfolgte Plakatierung der „Wasserseite“ wird die ursprüngliche einmalige künstlerische Gestaltung relativiert und der Beliebigkeit preis gegeben. Nicht die neue, nun entwickelte Ausstellung der neuen „Mauerbilder“ auf der Rückseite der East Side Gallery an sich, sondern die Entwicklung für die sie steht, ist das Problem.“

In seinem Kommentar heißt es weiter: „Durch die durch den Bezirk längst erteilten Baugenehmigungen für Großbauten im einstigen Mauerstreifen und insbesondere durch die nun auch noch genehmigte künstlerische Gestaltung auf der Rückseite droht die East Side Gallery damit zu einem beliebigen, touristischen Ort in Berlin zu verkommen. (…) Genau das ist sie aber nicht, denn es handelt sich hier – trotz und gerade wegen der mehrfachen Sanierungen der letzten Jahre - um das längste noch erhaltene Element der (…) Berliner Mauer. Daraus resultiert eine besondere politische Verantwortung und Fürsorgepflicht. Städte und historisch bedeutende Stadtstrukturen können und müssen weiterentwickelt werden. Sie müssen aber dort, wo ihr historischer Wert besonders charakteristisch ist, eben auch gepflegt und erhalten werden, um ihre kulturelle Besonderheit zu bewahren. (…). Die Kraft der East Side Gallery besteht in der Tatsache, dass hier die Freude und die Euphorie über den Mauerfall sowie die künstlerische Aneignung des verhassten Bauwerks nachzuempfinden ist. (…) Gerade weil schon die Ostseite des Mauerstücks mit der nach 1990 entstandenen Bildergalerie gestaltet wurde, muss die dem Wasser zugewandte Westseite langfristig in ihrem historischen weißen Zustand belassen werden. (…) Durch den Einsatz öffentlicher Mittel resultiert immer auch eine juristisch vorgegebene (Mindest-)Laufzeit eines Projektes, um die Nachhaltigkeit der eingesetzten Mittel zu garantieren (Mittelbindung). Auch dies gilt es – nolens volens – beim Nachdenken über den Umgang mit diesem, in der Denkmalliste des Landes Berlin befindlichen, Denkmals zu berücksichtigen (…). Um diesen stadtgeschichtlich bedeutenden Ort zukünftig noch viel mehr als bisher nicht nur mit seiner einzigartigen Prägung zu erhalten, sondern ihn gleichzeitig auch noch viel besser zu erklären und zu vermitteln, muss dieser Ort zukünftig mindestens noch mit weiteren Erklärungen und einem denkmalpflegerischen Gesamtkonzept ausgestattet werden (…). Dann erst können sowohl die Freude über die Überwindung der Mauer als auch zumindest ansatzweise der Schrecken, der von dieser Mauer ausging, verstehbar bleiben.“


Der ungekürzte Text


Download [PDF, 150,00 KB]