DONNERSTAG, 14. APRIL 2011
NACHRUF: FREIHEIT UND MENSCHENRECHTE WAREN SEINE ZIELE - ZUM TOD VON DETLEF GIRRMANN

1961 leitete Detlef Girrmann die Förderungsabteilung des Studentenwerkes der Freien Universität. Da ihm auf Grund dieser Funktion alle Informationen zu den Grenzgängerstudenten zugänglich waren, begann Detlef Girrmann systematisch, Fluchtwege für die Kommilitonen aus dem Osten zu organisieren, um ihnen die Fortsetzung ihres Studiums zu ermöglichen. Er nutzte seine Kontakte und schaffte es gemeinsam mit seinem Mitarbeiter und Freund Dieter Thieme († 2010) und Bodo Köhler († 2005), ein Netzwerk zur Hilfe von DDR-Bürgern aufzubauen. Allein bis zum Februar 1962 gelang es der Gruppe, die bald unter dem Namen Girrmann-Gruppe firmierte, etwa 500 Flüchtlinge in den Westen zu holen. Darunter waren viele Studenten, aber auch deren Angehörige, Freundinnen und Freunde und zahlreiche Menschen, die dem SED-Regime in die Freiheit entkommen wollten.

Doch die Aktivitäten brachten Detlef Girrmann nicht nur Erfolge ein. Die zunehmenden Schwierigkeiten bei der Organisation sicherer Fluchtwege und die Anschuldigungen der DDR gegen die „Girrmann-Bande“ die angeblich als „Agentenzentrale“ an der Freien Universität agierte, führten zu seiner Kündigung. Zwar wurde ihm nach einem Rechtsstreit die Möglichkeit zur Beendigung seines Studiums eingeräumt. Doch Detlef Girrmann betrieb weiterhin Fluchthilfe. Mit Auslaufen seines Stipendiums brach er Ende 1963 endgültig sein Studium ab. Da sich die Versprechungen hochrangiger Politiker, ihm dennoch einen Job in Berlin zu besorgen, nicht erfüllten, nahm er ein Arbeitsangebot bei der Berufsgenossenschaft Druck und Papierverarbeitung in Wiesbaden an.

Den Fall der Mauer empfand Detlef Girrmann als großes Glück. Ab 1992 arbeitete er als Sachverständiger im Thüringer Finanzministerium in Erfurt und blieb nach seiner Pensionierung in der Stadt wohnen. Eine offizielle Würdigung seiner Verdienste für Freiheit und Demokratie durch die Bundesrepublik Deutschland blieb ihm verwehrt.

Die Stiftung Berliner Mauer gab vor wenigen Wochen als ersten Band ihrer neuen Schriftenreihe eine Publikation zur Geschichte der Fluchthilfegruppe um Detlef Girrmann unter dem Titel „Fluchtziel Freiheit“ heraus, in der sein Einsatz gegen die Verletzung der Menschenrechte und für die Freiheit gewürdigt wird. Mit Detlef Girrmann ist der letzte Organisator der wichtigsten studentischen Fluchthilfegruppe, die unmittelbar nach dem Mauerbau mit ihren Aktivitäten begann und bis 1964 wirkte, verstorben. Die Stiftung Berliner Mauer wird die Erinnerung an Detlef Girrmann und sein Engagement für die Freiheit bewahren.


Berlin, 12. April 2011

Dr. Axel Klausmeier
Direktor

Dr. Maria Nooke
Stellv. Direktorin

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